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Ein politisch Lied
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,Maria, die Verlobte Josefs, erfährt durch einen Engel, dass sie schwanger ist und einen Sohn zur Welt bringen wird.
Sie reagiert spontan so, wie es wohl in dieser Situation jede andere Frau auch getan hätte: Wie kann das sein, wo ich doch bisher mit keinem Mann geschlafen habe? Als ihr dann gesagt wird, dass sie ohne Sex vom heiligen Geist schwanger wurde, verstummen ihre Fragen und sie akzeptiert voller Freude ihre Bestimmung. Wir allerdings möchten jetzt mit unseren Fragen erst richtig loslegen: Ein vom heiligen Geist gezeugtes Kind bei intakt bleibender Jungfräulichkeit das sprengt unser Vorstellungsvermögen. Das schreit geradezu nach einer natürlichen Erklärung der Zeugung Jesu.
Maria dagegen fragt nicht weiter nach. Sie beklagt sich nicht einmal. Immerhin ist sie unverheiratet, und diese Schwangerschaft wird sie vor ihrem Verlobten und der Umwelt bloßstellen. Aber, im Gegenteil, in einem Lobgesang, dem Magnifikat, rühmt sie Gott dafür, dass er sich gerade ihrer angenommen hat und Großes an ihr tut, wo sie doch nur eine einfache, unbedeutende junge Frau ist.
Dieses Magnifikat ist alles andere als eine schwärmerische Jungmädchenlyrik. In ihrem Loblied preist Maria die Barmherzigkeit Gottes, auf die unbedingt und zu allen Zeiten Verlass ist. Jedenfalls haben das immer wieder diejenigen erfahren, die Gott fürchten und ihm vertrauen. Wenn sich etwas wie ein roter Faden durch die Geschichte hindurch zieht, dann ist es die Güte Gottes, auf die wir Menschen zählen dürfen und das bis in unser ganz persönliches Leben hinein.
Aber Gott tut noch mehr, und er tut noch Größeres. Er nimmt sich besonders der kleinen Leute an und richtet die auf, die am Boden liegen. Wer dagegen ganz oben steht und sich auf seine herausgehobene Stellung noch etwas einbildet, der bekommt bei Gott sein Fett weg und wird seine Macht spüren. Denn Gott stürzt Machthaber von ihrem Thron und verhilft den bisher Unterdrückten zum aufrechten Gang Er macht die Hungrigen satt und schickt die verwöhnten Reichen mit leeren Händen weg.
Mit diesen Worten erhält der Lobgesang Marias eine unüberhörbare politische Note: Gott wird die Herrschaftsverhältnisse in unserer Welt radikal umkehren. Mächtige Herrscher wird er absetzen und Reiche leer ausgehen lassen. Den Armen und Unterdrückten dagegen wird er endlich zu ihrem Recht verhelfen. Damit werden Macht und Reichtum nicht als in jedem Fall böse und ungerecht hingestellt. Aber wer seine Macht zur Unterdrückung der ihm anbefohlenen Menschen missbraucht und seinen Wohlstand auf Kosten der Armen genießt, der bekommt es mit Gottes entschiedenem Nein zu tun.
Manchmal allerdings sitzen gewissenlose Machthaber und Menschenschinder allzu lange am Ruder, und wir fragen ungeduldig: Wann wird den Unterdrückten endlich Gerechtigkeit zuteil? Wann werden die Hungrigen endlich satt und erhalten den Anteil an den Gütern dieser Erde, der ihnen zusteht? Marias zuversichtlicher Lobgesang kann unserer Hoffnung den langen Atem geben, den es angesichts einer Welt voll Gewalt und Ungerechtigkeit unbedingt braucht. Nein, Gott verliert kein einziges Opfer menschlicher Willkür je aus dem Blick. Er wird jedem dieser Opfer schließlich doch zu seinem Recht verhelfen.
Aus dem Munde einer einfachen jungen Frau ist das eine erstaunliche Botschaft!
Ein politisch Lied
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