Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.12.09, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Hokuspokus

Der Junge, vielleicht elf, zwölf Jahre alt, war völlig bei der Sache. „Beim ersten Mal war ich ein gefallener Engel “, erklärte er seinem gebannt lauschenden Nachbarn

in der Straßenbahn. „Das war schon ziemlich geil. Aber für die höheren Level empfehl’ ich dir, Magier zu sein. Oder, wenn du selbst nicht so viel Einfluss nehmen willst, sondern mehr im Random-Modus spielst, musst du die Priesterinnen-Funktion aktivieren. Da kannst du sogar die Aura einstellen.“

Der Knabe sprach von seinem frisch erworbenen Computerspiel. Er legte einen Wortschatz an den Tag, der ihm normalerweise vermutlich völlig fremd ist und sich der Spielanleitung verdankte. Die wiederum hatte er offenbar mit einer Gründlichkeit studiert, die er den in der Schule bevorzugten Literatursorten niemals angedeihen lassen würde. Er war völlig präsent – in einer Welt von Magiern, Priesterinnen und gefallenen Engeln.

Die Mitteilung, dass er sich damit sozusagen in einem biblischen Personenverzeichnis tummelte, hätte ihn sicher überrascht. Dass Magier, Priesterinnen und gefallene Engel zur Vorstellungswelt der Antike gehören, ist mittlerweile ziemlich gleichgültig. So wie die Star-Wars-Filme offen lassen, ob sie eigentlich in einer fernen Vergangenheit oder einer fernen Zukunft spielen, so wird für uns alles gegenwärtig. Das Erbgut entschlüsseln und nach Feierabend unsere Aura suchen – das ist kein Widerspruch. Gegen die Schweinegrippe impfen und zugleich altindianische Heilungsrituale wiederentdecken – das ist trendy. Der Tagesschau die politisch Verantwortlichen für dies und das entnehmen und dicke Fachbücher über den schädlichen Einfluss okkulter Mächte wälzen - das passt schon.

Neuerdings ist vielfach zu lesen, dass sich in unserer durch und durch informierten und erklärten Welt eine neue Sehnsucht nach Religion und Ritual ausbreitet. Das ist sicher richtig beobachtet. Weiter heißt es dann, dies könne, sozusagen als Anknüpfungspunkt, eine neue Chance für den christlichen Glauben bieten. Da bin ich mir nicht so sicher. Gewiss, in der Bibel ist zu Genüge von allerlei dunklen Mächten und Gewalten die Rede, auch von gefallenen Engeln. Aber eben die Bibel behauptet dann ja gerade, dass all diese Mächte ihre Macht verloren haben. Paulus sagt: Weil die Liebe Gottes euer Leben trägt, könnt ihr auf das ganze Personal von Ober-, Unter- und Zwischenwelten verzichten und braucht vor nichts mehr Angst zu haben.

Diesen Satz für bare Münze zu nehmen, das nennt man Glaube. Und der ist nicht mehr sehr populär. Weil es nämlich auf den ersten Blick einfacher erscheint, noch ein paar Sicherungen einzubauen, die Wahrheit quer durch alle Religionen zu suchen, der aktuellen Bedeutung uralter okkulter Weisheit nachzuspüren und sich ganz allgemein in ein heimeliges spirituelles feeling einzugrooven. Aber ob das wirklich trägt, wenn’s nicht bloß um Spielerei, sondern an’s Eingemachte geht? Ich glaub’s nicht.

Audiobeitrag Hokuspokus


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