Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.12.09, Vizepräses Petra Bosse-Huber

Licht

„Es ist, als ob ich im Gefängnis sitze. So ein altes Gefängnis - dicke Mauern um mich herum. Kein Sonnenlicht kommt mehr rein. Alles ist dunkel, kalt und stinkt.“

So sagt der Mann zu mir, der mich um ein Gespräch gebeten hat. Ich kenne ihn gut. Eigentlich hat er sein Leben im Griff, nur ab und zu wird es schwer und dunkel in ihm. Es ist eine Form von Depression, die immer wieder kommt, oft im Winter. Meistens dauert sie ein paar Tage, selten Wochen. Er sagt, dass es diesmal anders sei. Er ringt mit den Worten, seine Augen sind müde und stumpf.

„Warum ist es diesmal schlimmer?“, frage ich ihn. Er guckt mich an und lächelt entschuldigend: „Die Mauern kommen näher.“ Schweigen – ich schaue ihn fragend an. Er sei Mitte 50, fürchte um seinen Job. Wenn seine Firma ihn entlassen würde, wo solle er jemals wieder eine Stelle bekommen? Das Haus sei nicht abbezahlt, die Kinder noch in der Ausbildung.

Dort, wo Furcht zum bestimmenden Gefühl wird, fühlt sich das Leben dunkler und enger an. Angst macht einsam, müde und still. Dann wachsen die Gefängnismauern, durch die kein Lichtstrahl dringt.

Gerade im Advent ist es wichtig, dass wir uns dem Dunkel stellen: Dem Dunkel des Winters genauso wie dem Dunkel der Seele und auch dem Dunkel des menschlichen Lebens in Krieg und Gewalt. Es geht nicht nur um schöne Adventsdeko, gemütliches Kaffeetrinken und stimmungsvolle Konzerte. Es geht um die Fragen von Dunkel und Licht, von Gefangenschaft und Befreiung. Der evangelische Dichter Jochen Klepper hat 1938 im Dunkel der Nazi-Diktatur ein Adventslied geschrieben. Darin gibt er seiner Hoffnung auf das Licht in dunkler Nacht und auf Jesus als den Morgenstern Ausdruck:

Die Nacht ist vorgedrungen der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!

„Der Tag ist nicht mehr fern...“, wiederholt mein Gesprächspartner. „Der Morgenstern - vielleicht  scheint der auch auf mich...“ Und ich sehe in seinem Gesicht, wie schon dieses innere Bild ihm ein bisschen Raum verschafft, wie ein Hoffnungslicht in seinen Kerker fällt.

Ein Gespräch und ein Adventslied ersetzen keine notwendige Therapie. Eine Bibelstelle oder ein Gebet täuschen nicht darüber hinweg, dass sich in unserer Gesellschaft gewaltig etwas verändern muss, damit die Allgegenwart von Angst, Stress und Existenzdruck gebrochen wird. Aber sie tragen dazu bei, unsere Hoffnung zu nähren und wachsen zu lassen. Sie können Steine aus den Gefängnismauern brechen. Gott sagt: Fürchtet euch nicht. Ich erlöse euch aus der Gefangenschaft von Angst, Traurigkeit und Vereinsamung. Im Advent begrüßen wir das Licht der Hoffnung und des Friedens, das in unsere Dunkelheit fällt, erst noch klein und dann immer größer. Wenn das Dunkel in uns vom Licht erhellt wird und wenn die Gefängnistore sich öffnen, dann sind wir frei.

 

Audiobeitrag Licht


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