Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.12.09, Pfarrer Klaus-Jürgen Diehl

Eine ungewollte Schwangerschaft

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,ungewollt schwanger zu werden, kann für die betroffenen Mädchen und Frauen zu einer schwer wiegenden Belastung für ihr Leben werden.

Das gilt insbesondere dann, wenn sich der Partner aus seiner Mitverantwortung stiehlt oder kein Ja zu dem neu entstehenden Leben findet.

Im Mittelpunkt der Weihnachtsgeschichte steht eine junge, unverheiratete Frau, die mit einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert wird: Maria. Sie ist ein einfaches Mädchen aus dem Volk. Sie ist mit dem Zimmermann Josef aus Nazareth verlobt. Für die Beiden war damals selbstverständlich: Kein Sex vor der Ehe! Wie muss es daher Josef getroffen und in seiner Mannesehre gekränkt haben, als er plötzlich merkt: seine Verlobte ist schwanger. So berichtet das Matthäusevangelium ganz ungeschminkt, dass Josef angesichts der offensichtlichen Schande seine Verlobte heimlich verlassen wollte. Erst nach einer himmlischen Intervention, bei der er über die außergewöhnlichen Umstände der Schwangerschaft Marias aufgeklärt wird, entschließt er sich, bei seiner Verlobten zu bleiben.

Nun lässt ja die Weihnachtsgeschichte keinen Zweifel daran: das Kind, das Maria unter ihrem Herzen trägt, wurde vom heiligen Geist gezeugt, und Maria ist darum auch weiterhin Jungfrau. Das so einfach zu glauben und im sonntäglichen Gottesdienst mit zu bekennen: „geboren von der Jungfrau Maria“ – das fällt selbst vielen Christen heute schwer. Es mangelt daher nicht an natürlichen Erklärungsversuchen für die Schwangerschaft Marias. Dabei sind wir selbst um die abenteuerlichsten Erklärungen nicht verlegen wie etwa der, dass Maria ein heimliches Verhältnis mit einem römischen Legionär gehabt haben soll.

Lassen wir einmal für einen Augenblick das Wunder der Jungfrauengeburt beiseite. Es gab für die junge Maria Gründe genug, die Tatsache ihrer Schwangerschaft gerade zu diesem Zeitpunkt als fatal zu empfinden. Wenn Gott selbst Maria dazu bestimmt hat, den Heiland der Welt zu gebären, dann hat er dieser jungen Frau damit Enormes zugemutet. Trotzdem hören wir aus ihrem Munde kein Wort der Klage über das eigentlich Unzumutbare. Stattdessen stimmt Maria einen der eindrücklichsten Lobgesänge an, die wir in der Bibel finden, das Magnifikat. Maria gerät ins Staunen über den Gott, der ihre Niedrigkeit, d.h. die Unscheinbarkeit und Unauffälligkeit ihrer Person liebevoll ansieht und sie gerade deswegen auserwählt.

Uns sagt diese Geschichte ein Zweifaches: Zum ersten dies: Gott wendet sich bis heute in besonderer Weise den Menschen zu und bekennt sich zu denen, die von ihren Mitmenschen eher übersehen oder als überflüssig eingeschätzt werden. Selbst der hoch gebildete Apostel Paulus staunt darüber, dass Gott sich gerade die Geringen und Verachteten aussucht, während er die Klugen und Mächtigen zunichte macht.

Zum anderen sollten wir daraus lernen, gerade den Menschen mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu begegnen, die in unserer Welt so schnell übersehen werden. Dazu zählen nicht zuletzt die Mädchen und Frauen, die aus ärmlichen oder schwierigen Verhältnissen kommen und ungewollt schwanger werden. Ihnen Mut zum Kind zu machen und sie auf dem Wege dorthin praktisch zu unterstützen und zu begleiten, hieße: sich das Wunder von Weihnachten zu Herzen gehen zu lassen. Denn nicht nur die Geburt Jesu damals, sondern jedes neugeborene Kind heute vermittelt die Botschaft, dass Gott die Lust am Menschen nicht verloren hat. Und darum sollten unter uns alle Kinder willkommen sein - besonders aber die, die ihre Mütter unter schwierigsten Umständen zur Welt gebracht haben.

Audiobeitrag Eine ungewollte Schwangerschaft


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