Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.12.09, Pastor Stephan Kiepe-Fahrenholz

Abwrackprämie

Morgens auf dem Weg zur Arbeit lacht mich zwischen Tannenbäumen und adventlich dekorierten Schaufenstern neuerdings in meterhohen Lettern wieder das Wort Abwrackprämie an.

Es handelt sich diesmal um Werbung für einen so genannten Fabrikverkauf, ein Outlet für Markenmatratzen. Der Vertreiber nutzt die noch vorhandene Erinnerung an die sommerliche Rettungsaktion der Bundesregierung, die der Automobilbranche zu Gute kommen sollte, um nun auch noch zum Neukauf von Matratzen anzuregen.

Abwrackprämien, genauer gesagt: Rabatte, die mit diesem Begriff tituliert werden, hat es ja mannigfach gegeben: nicht nur für alte Autos, sondern auch für alte Fernseher, alte Bürostühle und jetzt eben für alte Matratzen. Wer weiß, wann das endet. Grundsätzlich wäre durchaus vorstellbar, auch den treuen, aber altersschwachen Fido beim Hundezüchter gegen einen frischen Bello abzüglich Abwrackprämie einzutauschen. Oder mit einer Abwrackprämie dafür zu werben, die Oma doch nicht zu Hause zu pflegen, sondern in ein Heim zu geben.

Das finden Sie jetzt natürlich mit Recht makaber. Aber was ist denn, um beim Thema zu bleiben, eigentlich ein Wrack? Es handelt sich um ein durch Verfall oder Beschädigung unbrauchbar gewordenes Fahrzeug. Die Dinge dagegen, für die neuerdings überall Abwrackprämie gezahlt wird, entsprechen dieser Definition keineswegs. Die ursprüngliche Abwrackprämie, deren volkswirtschaftlicher Wert ohnehin umstritten ist, hat ja im Sommer vor allem den Effekt gehabt, dass die Leute ein neues Auto, das sie, wenn überhaupt, erst später kaufen wollten, jetzt schon erworben haben.

Ich fürchte, dass die seitdem beliebte  Abwrackprämie uns eines völlig vergessen lässt: Das, was nicht neu ist, ist deshalb noch keineswegs veraltet oder unbrauchbar, sondern es ist bloß gebraucht und in vielen Fällen gerade deshalb bewährt. Das ist uns kaum noch bewusst. Alles muss nagelneu, Markenware und letzter Schrei sein. Umgekehrt macht dann jeder Kratzer einen erprobten Gebrauchsgegenstand gleich zum unbrauchbaren Wrack.

Und noch was fürchte ich: Wo solches Denken mit Prämien belohnt wird, braucht es nur noch einen Schritt, um auch unter den lebenden Wesen die Wracks auszusortieren. Das halten Sie für maßlos übertrieben? Nicht allzu viel, denke ich, wenn ich mir den allgegenwärtigen Kult des Jungen, des Starken und des Schönen angucke. Die Filmkritiker, die eine noch unbekannte Schauspielerin nicht wegen ihres Talents, sondern wegen ihres unverbrauchten Gesichts feiern. Die Sportreporter,  die den frisch entdeckten Nachwuchskicker nach drei guten Spielen zur Nationalmannschaftshoffnung hochjubeln. Die Werbung, die neuerdings zwar gerade den alten Menschen als Identifikationsfigur entdeckt, aber stets so, als habe er oder sie gut sechzig Jahre lang nichts als Marathonläufe und Hanteltraining betrieben.

Das Schöne, das Bewährte, das Gute und das Nützliche – das kann durchaus älter sein, Gebrauchsspuren tragen und einem gerade wegen der Macken und, weil der erste Lack schon ab ist, ans Herz gewachsen sein. Daran bewusst festzuhalten – das wäre vielleicht mal so etwas wie eine Werterhaltungsprämie wert.

Audiobeitrag Abwrackprämie


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