Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.12.09, Pfarrerin Antje Rösener

Was mir Lust macht auf Weihnachten!

Autorin: Zu welchem Typ gehören Sie? Sind Sie eher ein Weihnachtsmuffel oder eine Weihnachtsliebhaberin?

Sind Sie jedes Jahr froh, wenn der Rummel der Advents- und Weihnachtszeit hinter Ihnen liegt? Wenn Sie endlich wieder ohne schlechtes Gewissen Ihrem Tagewerk nachgehen können, weil kein Geschenk mehr gekauft und kein Weihnachtsgruß mehr geschrieben werden muss? Oder genießen Sie die bunten Lichterspiele in den Straßen, die erwartungsvollen Augen der Kinder und die Betriebsamkeit der Erwachsenen, die alles daran setzt, den Weihnachtsabend zu einem Erlebnis werden zu lassen?

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, mein Name ist Antje Rösener, ich bin Pfarrerin und arbeite als Theologische Studienleiterin im Ev. Erwachsenenbildungswerk Westfalen und Lippe. Ich gebe zu, ich schwanke, was Weihnachten betrifft. In manchen Momenten bekomme ich Fluchttendenzen. Dann würde ich jeden Flieger nehmen, der mich auf einer fernen Insel verschwinden lässt. Dort in der Sonne auf dem warmen Sandstrand zu liegen fernab aller Lichterketten und Geschenkzeremonien – wieso eigentlich nicht, denke ich dann.

Aber... nach wenigen Minuten sanfter Träumereien stelle ich fest. So einfach ist das nicht: Ich sitze gerne Heilig Abend in der dunklen Kirche und betrachte den großen Weihnachtsbaum - am liebsten im Spätgottesdienst, wenn die Unruhe des Tages sich zu legen beginnt. Ich liebe die alten Weihnachtslieder, egal wie krumm oder schief sie gesungen werden. Ich hänge auch an der Geschichte von Josef und Maria...Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde! Und ich telefoniere gerne mit meiner Mutter und meinem Vater, öffne auch gerne die Briefe von Freundinnen und Freunden und freue mich, wenn wir in der  Nachbarschaft etwas Zeit füreinander haben. Ja, es gibt da doch so manches, was mir dann fehlen würde, am Strand auf einer fernen Insel...!

Genau genommen sind es drei Dinge, die mir Lust machen auf Weihnachten. Von denen will ich Ihnen erzählen, heute schon, am Nikolaustag. Denn noch bleibt uns allen etwas Zeit, die Festtage vorzubereiten. Wie Weihnachten wird … das liegt ja auch an uns selbst.

Musik: K. Asbjornsen: “Someday I'll carry you home“ (Nr. 12)  

Autorin: Weihnachten ohne die Geschenke – das ist wie Apfelstrudel ohne Vanillesauce. Allerdings...mit dem Schenken habe ich noch nicht so recht meinen Frieden gefunden. Da experimentiere ich jedes Jahr neu.

Aber was mir Spaß macht - und vielleicht ist das viel wichtiger als die Geschenke - das ist diese Verbundenheit zu spüren mit anderen. Ich denke an jemanden, wenn ich ihm einen Weihnachtsgruß schreibe, wenn ich ihr ein Geschenk aussuche. Ich frage mich, wie geht es ihr wohl, ich beginne mich zu erinnern. Ja, ich sammele - während all dieser kleinen und großen Vorbereitungen in der Adventszeit - schöne Erinnerungen... wie Nüsse in einer Schale.

Ich erinnere zum Beispiel meinen Großvater, der uns früher manchmal besuchte zu Weihnachten. Er kam immer schon Heilig Abend morgen, beladen mit Mandarinen, Äpfeln, Birnen, Bananen und Trauben. Nach der Begrüßung setzte er sich in seinen Sessel und schaute uns vier Kindern bei unserem Treiben zu. Irgendwann nahm er sein Taschenmesser und begann Obst zu schälen und in kleine Stücke zu schneiden. Berge von Obst. Das ganze Wohnzimmer roch innerhalb weniger Minuten nach Mandarinen und Apfelsinen. Und immer, wenn wir Kinder dann in der Nähe seines Sessels vorbei kamen, durften wir zugreifen, nein, mussten wir zugreifen – bis die Teller leer waren. Ähnliche Erinnerungen haben wir alle. Natürlich, da sind auch weniger schöne Geschichten, so einfach ist es ja auch nicht, Weihnachten mit der Familie zu feiern...aber ich sammel vor allem die schönen Erinnerungen.

Jesu Geburt bringt Menschen zusammen, das erzählt schon die biblische Geschichte: Maria eilt zu ihrer Freundin Elisabeth, nachdem sie weiß, dass sie schwanger ist. Ein Geheimnis, dass sie erzählen muss. Sie singt ein kraftvolles Lied im Hause ihrer älteren Freundin, die auch schwanger ist. Beide sind voller Freude, voller Dank gegenüber Gott und seiner Güte. Voller Sehnsucht nach einem Leben in Würde und Gerechtigkeit. Später sind es die Hirten, die ihren Platz draußen auf dem Feld verlassen und zum Stall eilen. Die Geburt Jesu war kein closed shop, keine Veranstaltung einer geschlossenen Gesellschaft. Da standen die Türen auf, da begegneten sich Menschen neu. Da sollte und soll niemand vereinzeln.

Es ist bis heute so: Im besten Fall bringt die Weihnachtszeit Menschen zusammen. Durch jeden Gruß, jeden Anruf, jedes Geschenk. Durch jede Spende an Menschen in anderen Teilen der Erde. Durch jeden gemeinsamen Glühwein in der Nachbarschaft. Durch jede offene Tür und jedes offene Herz, an dem die Not anderer nicht abprallt. Ja, sogar die Toten wissen darum und schleichen sich in dieser Zeit vermehrt in unsere Erinnerungen.

Ich will das nicht missen. Es ist schön zu spüren, dass ich das Leben nicht alleine bewältigen muss, dass Gott mich hinein geflochten hat in ein Netz von Menschen, das mich trägt.

Musik: K. Asbjornsen: Snowflake (Nr. 3)   
      
Autorin:
Die Weihnachtstage sind DIE Auszeit des Jahres. „Zwischen den Jahren“ sagen wir...zwischen den Jahren...da kannst du mich mal anrufen, dann ist es ruhiger geworden.

Eine Zwischenzeit. Eine Auszeit. Was der Sonntag für die Woche sein kann...Zeit für mich, Zeit für die Anderen, Zeit für das ganz Andere – das können diese Tage für das Jahr sein.

Weihnachten – der SONNTAG des Jahres. Die 12 heiligen Nächte – so wurden sie früher genannt, diese Tage zwischen Weihnachten und Dreikönigstag. Auf dem Land habe ich das vor wenigen Jahren noch erlebt...da standen Waschmaschine und Bügeleisen still in diesen 12 Tagen. So hatte es die Bäuerin entschieden. Alltägliches wurde hinten an gestellt. Man solle stattdessen auf seine Träume achten, sagte sie, in sich hinein hören, nachsinnen, zur Ruhe kommen. Eine heilige Zeit, eine empfindsame Zeit – im besten Sinne des Wortes. Eine Zeit mit einer größeren Aufmerksamkeit, für mich selbst, die anderen, die Natur und in all dem auch für Gott. Zeit für den Blick nach innen, den Blick über mich hinaus.

Soziologen beobachten seit längerem, dass sich die Fest-Rhythmen in unserer Gesellschaft verändern. Die Sonntagsruhe wird seit Jahren – zum Leidwesen vieler Arbeitnehmer und Familien - immer mehr zusammen gestampft. Gleichzeitig gewinnt die Weihnachtszeit an Bedeutung. In diesen Tagen kommt wirklich das Meiste zur Ruhe. Sogar in den Betrieben. „Bei uns ist das Jahr jetzt eigentlich schon gelaufen“ erzählte mir letztes Jahr ein Bekannter, der in einen Großunternehmen arbeitet. Wir hatten gerade mal den 15. Dezember „Es ist die einzige Zeit, wo wir mal durch atmen.“

Ja, ich freue mich auf diese Zeit. Diesen langen Jahres-Sonntag. Und wenn ich es irgendwie ermöglichen kann, werde ich am 25. Dezember früh aufstehen, ganz alleine und vor die Tür gehen: Denn nach der stillen Nacht, der heiligen Nacht kommt dieser Morgen des 25. Dezember: So ruhig wie er, ist kein zweiter Morgen im Jahr.

Musik: K. Asbjornsen:„If this is the ending“ (Nr. 2)    

Autorin: Es gibt noch etwas, was mich an der Weihnachtszeit fasziniert.
Es ist das Spiel mit dem Licht überall in den Wohnungen, Häusern und Straßen. Adventskranz, Weihnachtsbaum, Lichterkette...immer wieder anders, immer wieder schön.

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht“ so steht es in der Bibel beim Propheten Jesaja. Mit diesem Satz hat er den Menschen viele hundert Jahre vor der Geburt Jesu Mut gemacht. Denn die Hoffnung auf Licht in der Finsternis dieser Welt ist so alt wie die Menschheit selbst. Weil das Leben nicht leicht ist. Weil es so vieles gibt, was uns zu schaffen macht, so viel Leid und zum Himmel schreiendes Unrecht: Konflikte und Kriege, diese unvorstellbare Armut, deren Ende nicht absehbar ist, die Bedrohung durch den Klimawandel und vieles mehr.

Die Hoffnung auf Licht, darauf, dass manches Leid ein Ende nimmt, spüren wir in der Zeit um Weihnachten herum stärker, als in der Hitze des Sommers. Deshalb sind diese Wochen für viele Menschen auch nicht so leicht. Erfahrungen mit Gott werden in der jüdischen und christlichen Tradition häufig mit Bildern von Licht und Kraft umschrieben: Menschen sind am Ende und fühlen auf einmal neue Kraft – wie Licht am Ende eines Tunnels. So zeigt sich Gott in vielen Geschichten der Bibel. „Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt“ heißt wohl deshalb ein anderes Wort des Propheten Jesaja: „Mensch, du, werde selbst Licht, denn du hast doch erfahren: Gott ist wie das Licht, das dein Leben erhellt und erleuchtet. Mache dich auf, geh los.“

Verwunderlich ist für mich, dass diese weihnachtliche Hoffnung auf Licht offensichtlich weit mehr Menschen ergreift, als nur die Gläubigen. Es gibt einen Brief der Sozialistin Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis, geschrieben um die Weihnachtszeit 1917 an ihre Freundin Sophie Liebknecht – da heißt es:

Zitat Sprecherin:
..genau vor einem Jahr waren Sie bei mir (…) und haben mir den schönen Weihnachtsbaum beschert. Heuer habe ich mir auch einen besorgen lassen, aber man brachte mir einen ganz schäbigen (…). Ich weiß nicht, wie ich darauf die acht Lichtlein anbringe, die ich erstanden habe. (…) Gestern dachte ich, wie merkwürdig das ist.(...) Da liege ich still, allein, gewickelt in diese vielfachen schwarzen Tücher der Finsternis, Langeweile, Unfreiheit, des Winters – und dabei klopft mein Herz von einer unbegreiflichen, unbekannten inneren Freude. Und ich lächle im Dunkeln (...), wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wüßte, das alles Böse und Traurige Lügen straft und in lauter Heiligkeit und Glück wandelt.
Und dabei suche ich selbst nach einem Grund zu dieser Freude, finde nichts und muss wieder lächeln – über mich selbst.(…)
Sonjuscha, Liebste...so ist das Leben, und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem. Fröhliche Weihnachten! Rosa

Autorin: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht“ - Rosa Luxemburg war zwar Jüdin, aber nicht unbedingt gläubig. Doch diese Verheißung des Propheten Jesaja hat ihr Herz offensichtlich nie verlassen. Was ihr dabei half, diesem – wie sie sagt – zauberhaften Geheimnis sogar im Gefängnis zu vertrauen, war der christliche Brauch des Weihnachtsbaumes mit acht Lichtlein daran. Ein äußeres Licht, dass dem inneren Licht auf die Sprünge half.

Ja, ich mag die bunten Lichter und den heimeligen Kerzenschein in der Weihnachtszeit. Sie erzählen von der Hoffnung - ganz ohne Worte. Ein Volk, das im Finstern wandelt, hofft auf Licht.

Drei Gründe, die mir Lust machen auf Weihnachten. Der Winter wäre kälter, ohne dieses Fest mit seinen Liedern und Geschichten, mit seinen Bräuchen und Begegnungen. Mein Leben wäre armseliger ohne die Erinnerungen an die Weihnachtstage früherer Jahre. Ohne die Freude auf diese Auszeit, auf die vielen Gesten der Verbundenheit, ohne die Hoffnung auf Gottes Licht in dieser Welt.

Heute ist Nikolaustag. Bis zum Heiligen Abend haben wir noch einen Weg vor uns.

„Mache dich auf und werde Licht. Denn dein Licht kommt.“ Eine schönere Einladung als die des Propheten Jesaja gibt es nicht.

Es verabschiedet sich von Ihnen Antje Rösener aus Hattingen, Pfarrerin der Evangelischen Kirche. 

Musik: K. Asbjornsen: „Walk around me“ Nr.8 

Literatur:
Zitat von Rosa Luxemburg aus: „Es begibt sich aber zu der Zeit“ hrsg. von Walter Jens, Stuttgart 1989, S. 273 f 

Audiobeitrag Was mir Lust macht auf Weihnachten!


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