Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.12.09, Pfarrerin Barbara Schwahn (Choralandacht)

„Wie soll ich dich empfangen“ (eg 11)

Wie soll ich dich empfangen? Eine Frage, die sich viele Liebende stellen, bevor der Auserwählte, die Angebetete das erste Mal zu Besuch kommt.

Koche ich ein großes Menü bei Kerzenschein oder soll es nur was Leichtes geben. Soll etwas Musik im Hintergrund laufen und wenn ja, welche? Ach, wie soll ich dich nur empfangen, mein Liebster?

Choral 1 (Strophe 1): Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir. / O aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier. / O Jesu, Jesu setze mir selbst die Fackel bei, / damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei.

Autorin: Der Pfarrer und Liederdichter Paul Gerhardt hat diesen Choral 1653 in Mittenwalde geschrieben. Seine Frage „Wie soll ich dich empfangen?“ richtet er dabei nicht an seine Geliebte, sondern an das Kind in der Krippe, auf das wir ja jetzt in der Adventszeit warten. Auch morgen am 2. Advent. Für Paul Gerhardt stillt dieser Jesus unser menschliches Verlangen nach Ruhe, nach Frieden und nach Gerechtigkeit. Aber wie nun es empfangen, das neugeborene Kind? Paul Gerhardt bittet zunächst Jesus selbst sehr eindringlich um die Erleuchtung, wie das denn gehen kann, ihn richtig willkommen zu heißen. Gleich zweimal spricht er ihn mit Namen an:

Sprecher: „O Jesu, Jesu setze mir selbst die Fackel bei, damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei.“

Autorin: Die Fackel erinnert an die zehn Jungfrauen in einem biblischen Gleichnis, die beim Warten auf den Bräutigam eingeschlafen sind. Ihre Fackeln sind ausgegangen. Sie haben die Hoffnung aufgegeben, dass der Angekündigte noch kommt. Paul Gerhardt weiß: das Vertrauen in diesen Jesus ist etwas, was einem geschenkt wird. Das kann man sich nicht erarbeiten. Das stellt sich nicht von alleine ein, wenn die Atmosphäre nur stimmungsvoll genug ist vor Weihnachten.

Musik: instrumental Choral 2

Autorin: Wie soll ich dich empfangen? Festlich? Neugierig oder ablehnend? Vorsichtig um die Ecke schauend, mit offenen Armen und offenem Herzen, forsch entgegentretend, dankbar ehrerbietend, vielleicht auch klagend oder weinend? In der zweiten Strophe hat Paul Gerhardt eine Idee, wie er Jesus begegnen möchte:

Choral 1 (Strophe 2): Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin, / und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn. / Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis / und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.

Sprecher: Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin, und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn. Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.

Autorin: Wie soll ich dich empfangen? Paul Gerhardts Antwort heißt: Mit Loben und Danken! Damals, als Jesus kurz vor seinem Tod in Jerusalem einzog, da winkten ihm die Menschen mit Palmwedeln zu. Dem entspricht für Paul Gerhardt das von Herzen kommende Singen und Beten von Psalmen. Palmen und Psalmen stellt er in diesem Stabreim gegenüber. Und den grünen Zweigen von damals entspricht das Aufkeimen des Glaubens und der Liebe zu Gott durch das Singen und Loben. Auch heute noch.

Choral 1 (Strophe 2): Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis / und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.

Autorin: Wir haben das Lied in diesem Jahr an Palmsonntag im Gottesdienst gesungen. Und schon bevor es losging, fragte mich ein Gottesdienstbesucher: Haben Sie sich da nicht vertan? Das Lied da vorne an der Anschlagtafel, das ist doch ein Adventslied? Einigen ist dann durch das vermeintlich zur falschen Zeit im Kirchenjahr ausgesuchte Lied ein Licht aufgegangen: Ja, Advent und Passionszeit sind Wartezeiten. Da haben wir die Gelegenheit, nachzudenken über den, der da kommt. Und ihm singend und lobend entgegenzugehen.

Choral 4 (Strophe 1): Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir. O aller Welt Verlangen…

Autorin: Johann Sebastian Bach hat die erste Strophe des Chorals in sein Weihnachtsoratorium aufgenommen. Mit dem berühmten Werk ist sie in der ganzen Welt bekannt geworden. Sie wird bei Bach nach der Melodie von Hans Leo Hassler gesungen, zu der Paul Gerhardt auch das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ geschrieben hat. Wieder eine Verbindung zwischen dem Warten auf den Schmerzensmann in der Passionszeit und dem Warten auf das Kind in der Krippe im Advent.

Musik: instrumental Choral 4

Autorin: Ja, wenn es mir doch gelänge, in diesem Advent mitzusingen, höre ich manchen jetzt sagen. Wenn Gott mir doch diese Hoffnung schenken würde, dass er kommt, dass ich ihn empfangen kann und er meine Sehnsucht stillt. Paul Gerhardt hat damals gerade Grund zu singen, als er dieses Lied schreibt. Zwei Jahre zuvor hat er mit 44 Jahren seine erste Pfarrstelle angetreten. Endlich ein eigenes Einkommen und die Aussicht, seine geliebte Braut heiraten zu können. Nicht umsonst stellt er in der vierten Strophe gleich zweimal sein Ich und das Du Gottes gegenüber und beschreibt so, wie Gott in seine persönliche Not hineingewirkt und ihn daraus befreit hat.

Choral 3 (Strophe 4): Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los; / ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß/ und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut, / das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.

Sprecher: Ich lag in schweren Banden, du kommst und machst mich los; ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß und hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut, das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.

Autorin: Alles in allem war es aber eine Zeit, in der man hätte verzweifeln können. Düster war sie wie die Männerstimmen, die der Komponist Dietrich Buxtehude für diese Strophe einsetzt. Das Ende des 30-jährigen Krieges lag gerade mal fünf Jahre zurück. Dennoch ruft er in den letzten Strophen seines Liedes die ganze Gemeinde dazu auf, ihre Hoffnung in dieser Welt auf Gott zu setzen. Gott bringt Licht in die düstere Realität. Das Lichtmotiv der Fackel in Strophe eins kehrt wieder in der Schlußstrophe, in der Gott als Sonne besungen wird.

Choral 5 (10. Strophe): Ach komm, ach komm, o Sonne, / und hol uns allzumal / zum ewgen Licht und Wonne / in deinen Freudensaal.

Autorin: Durch die Jahrhunderte hindurch haben Menschen darauf gewartet, dass Gott ihnen aus ihrer Not hilft, dass sich ihre Sehnsucht erfüllt. Deshalb haben sie jedes Jahr wieder im Advent singend ihren Herrn empfangen und ihm ihr Herz neu geschenkt.

Dieser Choral von Paul Gerhardt ist über 350 Jahre alt. Und doch klingt er zeitlos aktuell – so wie er fragt nach der Begegnung mit dem Sohn Gottes im Advent. Wen wundert es, dass sich auch heute noch Musiker und Interpreten davon inspirieren lassen. So wie die Sängerin Sarah Kaiser, die Paul Gerhardt neu entdeckt und seine alte Frage auf ihre moderne Weise stellt:

Choral 6 (1. Strophe): Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir. / O aller Welt Verlangen, o meiner Seelen Zier. / O Jesu, Jesu setze mir selbst die Fackel bei, / damit, was dich ergötze, mir kund und wissend sei.

Musikinformation: Es sang unter anderem das Wilhelmshavener Vokalensemble unter der Leitung von Ralf Popken.

Audiobeitrag „Wie soll ich dich empfangen“ (eg 11)


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