Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.12.09, Pfarrer Dietmar Silbersiepe

Grundeinkommen in Namibia - Brot für die Welt II

Autor: Brot für die Welt! Wer kennt es nicht, das evangelische Hilfswerk, das Geld für die Ärmsten der Armen sammelt. Die große Spendenaktion läuft alljährlich im Advent.

Dieses Jahr zum 50. Mal.

O-Ton Lessing: Armut ist das große Problem, und da geht es nicht um Almosen, sondern es geht um Menschenwürde, dass also Menschen wirklich teilnehmen können an der Gesellschaft.

Autor: Sagt Dr. Hanns Lessing, der viele Jahre als Theologe und Entwicklungshelfer in Namibia gelebt und gearbeitet hat. Namibia gehört zu den ärmsten Ländern Afrikas. Die Kluft zwischen Reich und Arm, den weißen Einwanderern und den schwarzen Einheimischen, ist so groß wie in kaum einem anderen Land. Zwei Drittel der Namibier leben unterhalb der Armutsgrenze. Das kann so nicht bleiben, haben Bot für die Welt und andere, vor allem die namibischen Kirchen gesagt. Alle waren sich einig:

O-Ton Lessing: Dass man nicht einfach zwei Drittel der Bevölkerung im Regen stehen lassen kann, unbeteiligt an der Gesellschaft, und sagen: Vielleicht, eines Tages, wenn Ihr dieses und jenes macht, könnt ihr vielleicht auch mitmachen, sondern sagen: jetzt ist die Zeit, jetzt gehört ihr dazu und seid dabei.

Autor: Ein ganzes Dorf ist dabei seit vergangenem Jahr, als Pilotprojekt, das Schule machen könnte. In Omitara, einer abgelegenen 1000-Einwohner-Siedlung ist BIG eingeführt worden: Basic Income Grant, auf Deutsch Grundeinkommen-Beihilfe. Das bedeutet: 100 Namibia-Dollar im Monat, umgerechnet 9 Euro, für jeden unter 60 Jahren. Keine Auflagen, keine Gegenleistungen, einfach so. Durch Spenden finanziert von Brot für die Welt und anderen. Denn: Grundeinkommen sei ein Grundrecht, sagt die Entwicklungsexpertin Dr. Claudia Haarmann, und keine Frage von Wohltätigkeit.

O-Ton Haarmann: Jeder Mensch hat ein Recht auf Würde und damit ein Recht, ein würdiges Leben zu führen und BIG ist auch dafür da, dass das erreicht wird.

Autor: Gemeinsam mit anderen hat Claudia Haarmann das Projekt in Omitara auf den Weg gebracht. Vor der ersten Auszahlung unkten die weißen Farmer in der Nachbarschaft: Wenn Du den Schwarzen 100 Dollar schenkst, werden sie’s versaufen. Natürlich ist Alkohol ein Problem in einem Dorf mit über 70 Prozent Arbeitslosigkeit. Aber alle, die Ähnliches erwartet oder befürchtet hatten, wurden Lügen gestraft: Die Trinkhallen im Ort haben weniger Alkohol verkauft als noch im Vorjahr, die Kriminalstatistik zeigt einen Rückgang von Diebstählen und Wilderei, die Zahl der unterernährten Kinder sank um zwei Drittel von 42 auf 10 Prozent. Mehr Kinder besuchen die Schule, weil die Eltern die Schulgebühren zahlen können.

O-Ton Haarmann: Es gibt auch Frauen, die gesagt haben, früher, wenn die Männer von den Farmen kamen, die Geld hatten, mussten wir uns prostituieren, um unseren Kindern was zu Essen zu kaufen, und jetzt können wir nein sagen.

Autor: Beeindruckend sind auch die vielen Gründungen von Geschäften und Kleinbetrieben: Eine Bäckerei, ein Stoffgeschäft, ein Schusterbetrieb, eine kleine Ziegelei. Großartige Beispiele, wie Entwicklungshilfe am besten funktioniert: Als Hilfe zur Selbsthilfe. Für Entwicklungsexpertin Claudia Haarmann gehört zu den schönen Erfahrungen in Omitara:

O-Ton Haarmann: dass Leute gesagt haben: Wir haben das Geld genommen, wir sind in unsere Häuser gegangen, haben das Geld auf den Tisch gelegt und haben gebetet und haben Gott gedankt, dass er uns als Menschen anerkannt hat und dass wir wieder was wert sind, wir wissen jetzt, dass es einen Gott gibt.

Audiobeitrag Grundeinkommen in Namibia - Brot für die Welt II


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen