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Ewigkeitssonntag
Autor: Wo keine Hoffnung des ewigen Lebens ist, da gibt es keine wirkliche Menschlichkeit. (Johannes Calvin, Calvini Opera, Berlin 1863-1900, CO 49,209)
Dieser Satz lässt mich nicht mehr los. Er stammt von Johannes Calvin, dem Genfer Reformator, an dessen 500sten Geburtstag wir in diesem Jahr erinnert wurden. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich heiße Rüdiger Schnurr und bin Pfarrer in einer evangelisch-reformierten Gemeinde im Siegerland.
Heute, am Totensonntag, werden wieder viele evangelische Christen aber auch viele andere zu den Friedhöfen gehen und dort die Gräber ihrer Angehörigen aufsuchen. Vielleicht haben Sie sich das auch für diesen Tag vorgenommen. Die katholischen Christen tun das gleiche eher am Allerseelentag. Oft ist so ein Gang auf die Friedhöfe auch verbunden mit dem Besuch einer Andacht. In Friedhofskapellen oder Kirchen werden noch einmal die Namen der Verstorbenen aus dem zurückliegenden Jahr vorgelesen. Es gibt viele, die wehren sich vehement gegen den Namen ´Totensonntag´, sie betonen lieber den anderen Namen, den man diesem Tag auch gegeben hat: Ewigkeitssonntag. Manche machen daraus fast einen Nachweis der Rechtgläubigkeit: Wer den letzten Sonntag im Kirchenjahr Totensonntag nennt, der kann nach ihrer Meinung eigentlich kein richtiger Christ sein. Sie meinen, Christen dürfen sich nicht am Ende ihren Blick durch den Tod verdunkeln lassen, denn sie haben sich doch die Hoffnung auf die Ewigkeit auf die Fahne geschrieben.
Aber ist das wirklich ein Gegensatz?
Es gehört zum Menschsein, die Toten zu ehren. Und es gehört zum Menschsein, sich an den eigenen Tod erinnern zu lassen. Das drückt der 90ste Psalm der Bibel so aus: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden
Musik: Arioso, Tenor: Ach Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden, aus: Johann Sebastian Bach, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit (Actus tragicus)
Autor: Wenn Johannes Calvin recht hat mit dem Satz: Wo keine Hoffnung des ewigen Lebens ist, da gibt es keine wirkliche Menschlichkeit, dann hat das Gedenken an unsere Toten und die Erinnerung an den eigenen Tod ohne die Perspektive des ewigen Lebens keinen bleibenden Sinn. Denn einmal wird auch die letzte Erinnerung an uns, und was wir geleistet haben, aufhören. Beruhigend wäre dann allenfalls noch, dass ja auch die Erinnerung an das, was wir uns an Fehlern geleistet haben, aufhören wird.
Dass das für viele durchaus ein tröstlicher Gedanke sein könnte, habe ich aus manchen Gesprächen entnommen. Da meinte einer, er wäre sich gar nicht so sicher, ob er sich das wirklich wünschen sollte, ewig zu leben. Wenn er sich vorstelle, alles würde bis in alle Ewigkeit so weitergehen, nicht nur das Schöne, das Bemerkenswerte, das Wunderbare, die bildende Kunst, die Musik, die Liebe und die Freundschaften, die guten und klugen Gedanken, sondern auch alles, was es eigentlich nicht geben sollte, das Hässliche, die Feindschaften, der Hass, die Dummheit, Neid und Missgunst, Egoismus, die Verletzungen an Leib und Seele
er meinte, das wäre nicht zum aushalten, das müsse doch alles einmal ein Ende haben.
Er hatte für sich entschieden, in seinem Leben diesen Sinn zu sehen: Dankbar kann ein Mensch sein für die guten Jahre sein, die ihm auf dieser Erde zu leben beschieden sind. Aber dann sei es auch gut wieder abzutreten. Er meinte es wirklich ehrlich, und was er sagte, darüber hatte er gründlich nachgedacht. Manch einer mag seine Überzeugung mutig finden.
In einem Gedicht stellt sich Marie Luise Kaschnitz an die Seite derer, die nicht so mutig sind:
Sprecherin: Nicht mutig Die Mutigen wissen Daß sie nicht auferstehen Daß kein Fleisch um sie wächst Am jüngsten Morgen Daß sie nichts mehr erinnern Niemandem wiederbegegnen Daß nichts ihrer wartet Keine Seligkeit Keine Folter Ich Bin nicht mutig (aus: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke, Band 5 : Die Gedichte, Frankfurt am Main 1985)
Autor: So gesehen bin ich auch nicht mutig. Ich brauche in der Mutlosigkeit die Hoffnung auf die Ewigkeit. Aber was ist das überhaupt: Ewigkeit?
Musik: Sonatina aus: Johann Sebastian Bach, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit (Actus tragicus)
Autor: Liebe Hörerinnen und Hörer, im Buch Kohelet im Alten Testament, vielen besser bekannt als das Buch des Predigers Salomo, wird aufgezählt, womit wir Menschen unsere Zeit zubringen: Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde, heißt es dort, und dann wird aufgelistet, was alles seine Zeit hat:
Sprecher: Geboren werden hat seine Zeit und sterben hat seine Zeit, pflanzen und ausreißen, töten und heilen, weinen und lachen, schweigen und reden, lieben und hassen, Streit und Frieden. Alles hat seine Zeit.
Autor: Und noch vieles mehr wird aufgezählt. Im Grunde wird nichts ausgelassen, was wir an gutem und bösem Tun zustande bringen, und was wir an fröhlichen und traurigen Erfahrungen zusammentragen. Alles geschieht wenn es seine Zeit hat. Und dabei läuft diese Zeit unablässig weiter.
Wir können sie nicht anhalten und den schönen, guten und erfreulichen Dingen, die uns glücklich machen, Dauer verleihen. Wir können aber auch das Unheil nicht anhalten, auslöschen und damit ungeschehen machen. Doch das zusammengenommen, was gut und was schlimm ist, ist genau das, was wir Leben nennen. So lange die Zeit läuft und nicht stehen bleibt, leben wir. Wenn die Zeit für uns stehen bleibt, wenn sie abgelaufen ist, dann sind wir tot.
Leben hat seine Zeit und sterben hat seine Zeit, der Tod dagegen hat keine Zeit. Darum kommt er in der Aufzählung Kohelets auch nicht vor. Er sieht das alles sehr nüchtern: Das Leben, den Tod, die Zeit, die uns beschieden ist. Darin liegt seine Weisheit. Und wir sind gut beraten ihm in seiner Nüchternheit zu folgen.
Doch dann folgt ein Satz, der mich jedes Mal aufhorchen lässt:
Sprecherin: Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit den Menschen ins Herz gelegt. nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
Autor: Was die Fülle unseres Lebens ausmacht, das Gute und das Böse, das Erfreuliche und das Anstrengende, die Lust und die Last ist in sich durch Gott sinnvoll, gut, schön. Nur wir haben so oft unsere liebe Not mit dem Leben. Wir durchschauen den Sinn nicht. Wir haben vielleicht eine Ahnung, aber keine Klarheit. Eine vage Erwartung, dass uns über unsere Tage und Jahre hinaus etwas Neues erwartet: Gott hat die Ewigkeit den Menschen ins Herz gelegt.
Die Bibel spricht nicht von einem ins Unendliche verlängerten Leben, was zugleich eine ins Unendliche gedehnte Zeit sein würde. Dass meinem Gesprächspartner davor graute, das kann ich gut verstehen, und auch seinen Stoßseufzer: Das muss doch alles mal ein Ende haben.
Wenn es das aber nicht hat, dann wäre neben vielem Glück auch das Verhängnis unendlich, dann spielt neben aller Menschlichkeit auch das Unmenschliche mit für immer und ewig. Und das wäre in der Tat grausam.
Aber die Ewigkeit, die mit denn Worten Kohelets in unser Herz gelegt hat, die ist etwas ganz anderes: Ich beschreibe sie für mich als unermessliche Freiheit, unauslotbares Glück, unerschöpfliche Liebe, unversiegbare Lebendigkeit und unbegrenzte Gemeinschaft aller in Gottes Gegenwart.
Ein Ahnen ist es erst noch, ein Sehnen auch schon. Und wenn dieses Sehnen durch den Glauben an Jesus Christus zu einer Hoffnung wird, dann vermag die Hoffnung auf die Ewigkeit schon in der Zeit an ihre Kraft zu entfalten. Dieser Erfahrung wird sehr deutlich in einem neuen Kirchenlied ausgedrückt:
Sprecherin: Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt, ja dann schauen wir heut schon sein Angesicht in der Liebe, die alles umfängt. Eg 667,4 Text: Claus-Peter März (1981) 1985
Autor: Wie das zugehen kann, habe ich bei Björn erlebt. Er war ein Jugendlicher voll Lebensfreude. Sportlich, kräftig und mit viel Humor. Kurz nach seiner Konfirmation erkrankte er unheilbar an Krebs. 17 war er als sein Leben zu Ende ging. Auf seinen Wunsch hin haben wir im Kreis der Familie und mit seinen Freunden das Abendmahl gefeiert.
Und dann stand die Frage im Raum: Was kommt nach dem Tod. Wie wird das denn sein, in der Ewigkeit? Wer wollte das beschreiben können. Ich habe dann sinngemäß gesagt: Bald wirst Du uns allen was voraus haben. Du wirst dann Bescheid wissen und wir noch nicht. Der Gedanke gefiel ihm und amüsierte ihn sichtlich. Und dann haben wir noch einen richtig fröhlichen Abend zusammen gehabt. Es war als ob wir schon einmal einen Blick in den Himmel werfen durften.
Wenn unsere Zeit für uns einmal stehen bleibt, wenn für uns einmal der Tod kommt, dann wird das eigentlich zeitlose Nichts des Todes das Tor der Ewigkeit sein. Aber wie können wir von etwas reden, was im Grunde nicht zu beschreiben ist? Wir können die Ewigkeit nur mit Worten und Bildern unserer Zeit gebundenen Erfahrungen benennen.
Für ihre Realität spricht ganz sicher die Erfahrung, dass die Ewigkeit mit ihrer Strahlkraft in unsere vergehende Zeit hineinreicht. Wenn z.B. Pastor Bodelschwingh, der erste Leiter der Betheler Anstalten für Epilepsiekranke und geistig behinderte Menschen, nicht so eine tiefe Hoffnung auf das baldige Wiederkommen Jesu und damit auf die sichtbar werdende Ewigkeit gehabt hätte, dann wäre sein liebevoller Eifer für die schwächsten Glieder der Gesellschaft vielleicht nicht so überzeugend gewesen. Er pflegte ja den Handwerkern, die immer neue Häuser in Bethel errichteten, beim Gang über die Baustellen zuzurufen: Macht es nicht so gründlich, wir brauchen sie ja nicht lange!
Es hat sich immer wieder gezeigt: die Hoffnung auf die Ewigkeit lässt den Wunsch groß werden, dass unsere Zeit schon menschlicher wird, das heißt, sie soll schon Freiheit, Glück, Liebe, Lebendigkeit und Gemeinschaft widerspiegeln.
Wo keine Hoffnung des ewigen Lebens ist, da gibt es keine wirkliche Menschlichkeit, sagte Johannes Calvin. Ihre wahre Bedeutung gewinnen diese Worte wohl erst aus der Umkehrung in die positive Aussage: Wo Hoffnung des ewigen Lebens ist, da gibt es wirkliche Menschlichkeit. Und wenn die Menschlichkeit wächst, wo Brot geteilt wird, wenn das Leid des Armen gelindert wird oder wenn wir einander trösten, dann erkennen wir, das auch unsere vergehende Zeit, Zeit mit Gott ist. Sie wird einmal stehen bleiben, doch dann kommt mit dem Tod nicht eine unendliche Leere, nicht das Nichts, sondern die Liebe im Angesicht Gottes, die alles umfängt.
Für unsere Zeit in der wir leben und auf die Ewigkeit hoffen hat Kohelet einen bemerkens- und beachtenswerten, vor allem höchst menschlichen Ratschlag. Und mit ihm verabschiede ich mich von Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer. Ihr Rüdiger Schnurr von der Evangelischen Kirche:
Sprecherin: Ich merkte, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.
Musik: Eingangschor Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit aus: Johann Sebastian Bach, Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit (Actus tragicus)
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