| |
"Was hast Du mit Deinem Leben gemacht?"
Liebe Gemeinde, ...und denn, denn stehste vor Gott dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir ins Jesichte:
Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben? Und da muss ick sagen Fußmatte, muss ick sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis, und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muss ick sagen. Und zum Schluss haste jeröchelt und jewürcht, um det bisschen Luft, und denn war´s aus. Det sagste vor Gott, Mensch. Aber der sagt zu dir: Jeh wech! sagt er. Ausweisung! sagt er. Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er. Det biste mir schuldig! Wo is et? Wat haste mit jemacht?! Und denn, Friedrich und denn is et wieder nischt mit de Aufenthaltserlaubnis.
Dem Schuster Willem Voigt aus Carl Zuckmayers Hauptmann von Köpenick wird es angst bei dieser Vorstellung. Er war zu einer Beerdigung auf dem Friedhof, hat an einem Grab gestanden und ist angesichts des Todes zum Nachdenken über das eigene Leben gekommen:Was hast du damit gemacht?
Viele Menschen suchen an diesen letzten Sonntagen im November Friedhöfe auf: Versammeln sich an Ehrenmälern für die gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege; stehen an Gräbern, in denen ein geliebter Mensch die letzte Ruhe fand. Und viele gibt es, die wissen keinen Ort, wohin sie gehen können. Weil der Mensch, den sie verloren haben, weit weg in Russland ums Leben kam oder in England oder in Italien.
Angesichts so vieler Toter tun sich die Fragen nach dem Leben besonders drängend auf. Was hast Du damit gemacht?
Einmal, am Ende der Tage, so erzählt es der Evangelist Matthäus, wird kein Geringerer als der auferstandene Christus die Frage nach unserm Leben stellen. Einmal, am Ende der Tage, wird er Rückschau halten auf das Leben aller Menschen: Was hast Du damit gemacht? In großartigen Bildern ersteht vor unseren Augen die Szene, wie Christus bei seiner Wiederkunft auf einem Thron sitzt, umgeben von einer großen Engelschar; wie er in herrscherlicher Gebärde alle Völker der Erde um sich versammelt, um Gericht zu halten.
Diese Szene hat den Menschen von jeher Angst gemacht. Und sie wurde allzu oft als Druckmittel benutzt, um immer noch mehr Angst zu schüren. Denn bei diesem Gericht wird alles an den Tag kommen. Und alles hängt dann von der Antwort auf diese eine Frage ab: Was hast Du gemacht mit Deinem Leben?
Was wird dann sein mit dem, der sagen muss: Geschossen habe ich. Den Franzosen erledigt, einfach tot geschossen hab ich ihn. Aus purer Angst. Er war so alt wie ich. Und hatte seine Frau und zwei kleine Kinder zu Hause. Oder mit dem, der bekennt: Gehorcht habe ich. Einfach mitgemacht. Obwohl ich ahnte, dass da was faul war. Was sollte ich denn tun? Widerstand hätte mich vielleicht das Leben gekostet.
Was wird dann sein mit mir? Wenn ich vor dem Richter stehe am Ende der Tage und wenn ich sagen muss: So viel versäumt, so viel falsch gemacht. Immer wieder schuldig geworden. Und so vieles schuldig geblieben. Werde ich dann bei denen landen, für die es heißen wird: Geh weg! Ins ewige Feuer mit dir, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist!?
Ja, diese Vorstellung macht Angst. Am Ende vor Gottes Richterstuhl zu stehen. Dort, wo wirklich alles an den Tag kommt. Wo sich keiner mehr verstecken kann.
Andererseits hat diese Aussicht auch etwas Hoffnungsvolles. Denn in allem Zweifel, ob ich selbst vor dem göttlichen Gericht bestehen werde, ist zugleich der sehnliche Wunsch: Es möge am Ende aller Tage - wenigstens dann! - ein Richterspruch ergehen, der wirklich Gerechtigkeit schafft. Ein Urteil, das die Täter eindeutig böse nennt und die Opfer endlich ins Recht setzt. Ein Urteil, das die Folterer und Mörder und Schänder und Lügner als solche entlarvt und den Misshandelten und Gedemütigten und Ausgelöschten ihre Würde zurück gibt. Am Ende aller Tage ja, wenigstens dann.
Wie passt dies alles aber mit der Botschaft des Evangeliums zusammen? Das verträgt sich doch nicht: Die menschliche Angst vor einem Gott, der harte Todesurteile fällt und sie dann auch vollstreckt und die biblische Rede von dem Gott, der die Liebe ist; der will, dass alle Menschen gerettet werden? Das verträgt sich doch nicht: Die Hoffnung auf gerechte, ausgleichende Strafe, die die Richtigen treffen soll und das Bekenntnis zu Jesus Christus, der allein alle Strafe auf sich genommen hat, damit wir Frieden haben?
Mit der Rede vom Gericht sind wir deshalb in der Kirche vorsichtig geworden. Vielleicht zu vorsichtig? So vorsichtig, dass wir darüber Wichtiges aus dem Blick verloren haben?
Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zu seiner Linken.
Und denn, denn stehste vor Gott dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben?
Ohne göttliches Gericht wäre beliebig, was wir Menschen tun und lassen im Leben. Ohne ein Gericht am Ende der Tage wäre die göttliche Liebe eine harmlose Liebe, der alles gleich gültig ist. Was könnten wir schließlich von einem Gott erwarten, der so lieb ist, dass er niemandem etwas tut? So lieb, dass er kein Unrecht beim Namen nennt und niemanden dafür zur Rechenschaft zieht? Ja bliebe ein solches Jüngstes Gericht ganz aus, wäre das ein Ausdruck göttlicher Gleichgültigkeit. Nichts aber könnte uns Menschen mehr erniedrigen als dies: Gott gleichgültig geworden zu sein.
Manche Schuld ist nie ausgesprochen worden, nie benannt. Viele Verletzungen sind niemals freigelegt worden, niemals verheilt. Manches, was wir anderen angetan haben auch ungewollt und unbewusst - , allein indem wir so leben, wie wir leben, können wir selbst nicht gut machen. Nie. Und so fressen Schuld und innere Wunden sich weiter. Ja, sie würden sich sogar in alle Ewigkeit weiterfressen, wenn das Gericht am Ende nicht käme. Jener Tag, an dem ein gnädiger Richter alles beim Namen nennt. Ein Richter, dessen Ziel ist, zu heilen und ins Recht zu setzen: Die Opfer und die Täter auch, indem er ihre Schuld nicht verschweigt und Unrecht nicht ins Vergessen laufen lässt.
Ja: In Christus wird uns ein gnädiger Richter ansehen und unser Leben und Tun würdigen. Wir alle werden im wahrsten Sinne der Worte seines Blickes gewürdigt werden. Für so wichtig und für so wertvoll erachtet, dass er seine Augen eigens auf uns richtet und dabei wirklich uns meint. Ob wir zu den Opfern gehören oder zu den Tätern oder beides zugleich. Wer schon einmal erlebt hat, wie erniedrigend es ist, wenn ein Mensch über mich urteilt, ohne mich dabei anzusehen, der weiß, was das bedeutet.
Und dann? Wie wird es uns ergehen, wenn er nach unserm Leben fragt?
Musik
Liebe Gemeinde, da stehen sie nun vor dem göttlichen Thron: Menschen aus allen Völkern, auch Sie und ich gehören dazu, von Christus am Ende der Tage zum Gericht versammelt. Die einen hat er nach rechts gestellt. Die anderen nach links, ins Abseits. Das Urteil scheint bereits sichtbar vollzogen.
Doch ehe sie sich brüsten oder beklagen und Beschwerde einlegen können; ehe wir dazu kommen, sein Urteil anzuzweifeln und kritische Nachfragen zu stellen, ergreift der Richter selbst das Wort. Und verblüffenderweise ja, es muss die Menschen dort vor dem Thron ungemein verblüffen, denn damit kann niemand gerechnet haben! verblüffenderweise bringt der Richter in seiner Rede nun als erstes sich selbst ins Spiel:
Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben, bekommen die einen zu hören. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.
Die anderen erfahren: Ich bin hungrig und durstig und ein Fremder und nackt und krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt nichts für mich getan.
Und wie verblüfft sie sind! Christus selbst ihnen begegnet? Pures Erstaunen auf beiden Seiten rechts wie links. Die entgeisterten Rückfragen sprechen Bände: Wann, Herr? Wann ist das gewesen? Wir können uns beim besten Willen nicht erinnern, dir je Hilfe geleistet oder unseren Beistand versagt zu haben!
Ob es den Menschen vor dem Thron dämmert, was sie da gerade erfahren? Ob es uns dämmert Ihnen und mir? Dass in dieser großen Gerichtsszene, in diesen alten und befremdlichen Bildern von den säuberlich getrennten Schafen und Böcken, den Guten und Bösen, etwas aufleuchtet vom tiefsten Geheimnis Gottes? Wie er sich verwechselbar macht mit dem Wohnungslosen zum Beispiel, der gestern an meiner Haustür war? Verwechselbar mit der Frau, die heute Morgen im Mülleimer nach Essbarem kramte? Mit dem Alkoholabhängigen, dessen Seele auch nach der zweiten Flasche Schnaps immer noch durstig bleibt? Mit dem jungen Mann, der in Untersuchungshaft sitzt und nicht klarkommt mit sich selber?
In jenem Gericht am Ende der Tage wird es nicht um kleinliche Abrechnung gehen; nicht um buchhalterische Verrechnung der Versäumnisse und Verdienste unseres Lebens. Da, im Jüngsten Gericht, steht weitaus Größeres zu erwarten: Wir werden vor Christus, dem Richter stehen zusammen mit denen, an denen wir schuldig geworden oder denen wir etwas schuldig geblieben sind. Zusammen mit denen, die uns Schlimmes angetan haben. Täter und Opfer Seite an Seite.
Und dann werden wir erfahren: Christus, der uns im Gericht ansieht, das ist der, in dem Gott die Welt mit sich versöhnt hat. Was immer er über mich und die anderen Menschen und über diese Welt feststellen wird es wird ein Urteil im Dienst der Versöhnung sein. Denn die eigentliche und ursprüngliche Funktion des Richters ist, für eine Ordnung des Wohls und des Friedens und der Versöhnung zu sorgen, in der Menschen ohne Angst und ohne Bedrohung und ohne Gewalt zusammen leben können.
Wir werden erfahren: Christus, der uns im Gericht ansieht, das ist der Schöpfer der Welt, der seine Ehre darein legt, an der Seite der Armen und Schwachen und Hilfsbedürftigen zu sein. Mensch unter den Menschen am Rande. Solidarisch mit den Opfern: Mit den ungerecht Behandelten, mit den Übersehenen, mit den Armen, mit den Belächelten, mit den Schwierigen.
So setzt uns die Rede des göttlichen Richters schon jetzt auf eine klare Spur. Auf die wunderbare Spur, in unserm Leben auch den Schwächsten und Ärmsten und Kleinsten, so zu begegnen, als begegneten wir in ihnen Christus selbst. Auf die wunderbare Spur, Christus nahe zu kommen, indem wir den Menschen nahe sind und an ihrer Seite mitten in der Welt stehen.
Manchmal wird uns in der Kirche die kritische Frage gestellt: In den letzten Jahrzehnten sind euch viele Leute davon gelaufen. Statt darauf angemessen zu reagieren, kümmert ihr euch um Themen wie Kinderarmut, Klimawandel, Bildungsgerechtigkeit und Globalisierung. Ist es nicht längst an der Zeit, zu eurem eigentlichen Thema, nämlich zum Evangelium, zurückzukehren?
Ich höre diese Frage auf dem Hintergrund der großartigen Gerichtsszene des Matthäusevangeliums. Im Ohr die verblüffende Rede des Richters auf dem Thron, der sich ins Spiel der alltäglichen Welt bringt; der in die Gestalt der gefährdeten und benachteiligten und an den Rand gedrängten Menschen schlüpft; der mir in den Bedürftigen begegnet. Für mich besteht kein Zweifel, dass wir auch dann zutiefst beim Kernthema des Evangeliums sind, wenn wir danach fragen, was aus den Kindern wird, die wir im Auftrag Jesus Christi taufen. Für mich besteht kein Zweifel, dass auch dies unmittelbar mit unserem Glauben zu tun hat, wenn wir uns mühen, dass Kinder nicht in den Teufelskreis der Armut geraten; wenn uns daran liegt, dass alle eine gute Bildung und Ausbildung erhalten, um würdig am Leben teilhaben zu können. Es ist die unbequeme Würzkraft des Evangeliums, die wir weitergeben, wenn wir darauf hinweisen, wie wir als Industrienationen auf Kosten und zu Lasten der Menschen in den armen Ländern der Erde leben; wenn wir nach Alternativen suchen, wo Hass und Gewalt immer nur neuen Hass und neue Gewalt gebären.
Die großartige Szene des Evangelisten Matthäus lehrt uns nicht die Angst vor dem Gericht am Ende der Tage. Sie schürt nicht die Furcht des Einzelnen vor der ewigen Verdammnis. Sie macht uns vielmehr dessen gewiss: In Christus wird Gott, der Richter, uns ansehen. Uns anreden. Uns liebevoll beim Namen rufen. Uns einzigartige, unverlierbare Würde schenken. Beim Namen nennen, was war. Aussprechen, was nie ausgesprochen wurde.Heil machen, was wir nicht heilen konnten. Recht schaffen, wo unsere Gerechtigkeit versagt hat.
Nicht weniger als dies haben wir zu erwarten. Und alles andere können wir getrost Gott überlassen. Amen.
|