Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.11.09, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

I will fix you

Einmal in der Woche kann man beim Leiter des Chores Young@Heart vorsingen. Wer mitmachen möchte, muss mindestens 73 Jahre alt sein.

Seit 1982 gibt es diesen Chor, der sich „Jung im Herzen“ nennt, in Massachussettes, USA Er hat sich auf Tourneen einen Namen gemacht: zunächst in den Vereinigten Staaten und später in Europa. Die Sänger und Sängerinnen der ersten Jahre leben alle nicht mehr. Chorleiter Bob Cilmann, mit 52 Jahren ein junger Hüpfer, war in den letzten siebenundzwanzig Jahren schon auf 80 Beerdigungen. Doch immer finden sich neue Stimmen. Und jedesmal, wenn ein Chormitglied stirbt, sagen die anderen: „Wir singen weiter. Er oder sie hätte das gewollt.“ Und sie singen weiter.

Stephen Walker, ein Filmemacher, war so fasziniert von dem Chor, dass er ihn sieben Wochen lang begleitete und einen Film über ihn drehte. Der Chor probte in dieser Zeit sieben neue Lieder ein, bereitete sich auf ein Konzert  vor und trat in einem Gefängnis auf. In der Woche vor dem großen Konzert starben zwei der Sänger. Einer von ihnen sollte ein Solo singen.

Der ganze Chor ist erschüttert, tief traurig und gleichzeitig bereit, weiter zu arbeiten. Die Aufführung wird ein großer Erfolg: das Publikum lacht und klatscht und hat Tränen in den Augen. Sie sind begeistert von der Art, wie die alten Männer und Frauen Pop-, Rock- und  Punksongs auf die Bühne bringen. Sie sehen aus wie alte Menschen, die ich kenne: ihre Gesichter sind faltig, ihre Haare weiß oder ausgefallen. Sie  gehen langsam, einige humpeln sogar. Ihre Stimmen sind vom Alter gezeichnet: brüchig oder schrill. Und trotzdem: Eine alte Dame beginnt ein Stück mit einem irren Schrei, der ganze Chor bewegt sich im Takt. Sie bringen Wut, Freude, Begeisterung und Schmerz zum Klingen und ziehen damit Junge und Alte in ihren Bann.

Zum Höhepunkt im Film „Young@heart“ wird der Auftritt von Fred Knittle. Mit fünf Bypässen geben die Ärzte ihm nur noch eine kurze Lebenszeit. Eigentlich hat er den Chor schon verlassen. Aber bei diesem Konzert will Fred singen, um seine verstorbenen Freunde zu ehren.

Ein Klappstuhl wird auf die Bühne gebracht. Der korpulente Fred nimmt darauf Platz. Von seiner Nase aus geht ein Schlauch zum Sauerstoffgerät, das neben dem Stuhl steht. Ganz still ist es im Saal. Zu hören ist nur das rhythmische Schnaufen der Maschine. Das Vorspiel vom Klavier erklingt und Fred Knittel singt mit seiner tiefen Bassstimme:

Sprecher: Wenn die Tränen dein Gesicht herunter rinnen, Wenn du etwas verlierst, das du nicht ersetzen kannst. Wenn du jemanden liebst, aber es zu Ende geht. Könnte es schlimmer sein?

Musikeinspielung aus dem Film “Young@heart”: Lights will guide you home. And ignite your bones. And I will try to fix you

Sprecher: (overvoice)  Lichter werden dich nach Hause führen  Und deine Knochen werden Feuer fangen. Und ich werde versuchen, dich in Ordnung zu bringen.

Autorin: Morgen ist Ewigkeitssonntag. Wir denken an Menschen, die gestorben sind. Ich höre den alten Mann singen. Er macht mir Hoffnung: Gott wird alle Schmerzen heilen und alle Tränen abtrocknen. Am Ende der Zeit. Doch etwas davon kann ich heute schon spüren.

Audiobeitrag I will fix you


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