Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.11.09, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Zu einem Menschen umkehren

Von einem Kommissar, der einmal vor vielen Jahren umkehrte, habe ich in der Zeitung gelesen. Heute, kurz vor seinem Ruhestand, besucht er immer noch einen Mann,

den er damals als junger Kommissar wegen Mordverdachts verhaftete. Verhöre und Beweisaufnahme liefen schleppend. Der Verhaftete verweigerte konkrete Aussagen. Ohne handfeste Beweise würde die Polizei ihn entlassen  müssen. Bis an einem Abend dies geschah: Der Kommissar ist schon unterwegs nach Hause. Plötzlich unterbricht er seine Fahrt.  „Ich hab ihm doch versprochen, noch mal vorbeizuschauen.“, ist ihm eingefallen. Er kehrt um ins Polizeirevier Zurück in den Flur mit den Zellen für die Untersuchungshäftlinge. Der wachhabende Beamte ist erleichtert, als der Kommissar kommt. „Der heult die ganze Zeit“, – sagt er  und öffnet die  die Tür zur Zelle.

Sprecher: In Zelle 4 ist es finster. Durch die Glasbausteine, die das Fenster ersetzen, fällt kein Licht mehr. Der Häftling ist nicht zu sehen. Auf der Pritsche hockt ein schluchzender Haufen Mensch, der die Decke über sich gezogen hat. Vorsichtig streift der Kommissar die Umhüllung zurück und legt den Arm um den Nassgeweinten. »Was is’ los?«  (Die Zeit, 40, 2009, Dossier „Todfreunde“ von S. Rückert)

Autorin: Der Häftling fängt an zu erzählen, er hat Angst, ist mit den Nerven fertig. Der Kommissar, hört zu, fragt nach.  Am Ende des Abends gibt der Häftling ihm ein Versprechen: Er wird dem Kommissar sein Geständnis schenken. Aus Dankbarkeit dafür, dass der zu ihm gekommen und sich neben ihn gesetzt hat. Dass er nicht nur einen verdächtigten Mörder gesehen hat, sondern einen Menschen, der verzweifelt ist. Dass er ihn angefasst hat, weil er in ihm einen bedürftigen und sehnsüchtigen Menschen erkannt hat.

Monate später wurde der junge Mann zu einer Haftstrafe verurteilt, deren Ende heute nicht absehbar ist. Er ist  alt geworden im Gefängnis. Immer noch kommt der Kommissar zu ihm, trinkt Kaffee und isst Kuchen, den der Häftling ihm serviert. Bis heute ist er der einzige Mensch, zu dem der Häftling in seinem Leben eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut hat.

Als der Kommissar damals umkehrte, wollte er nur sein Versprechen halten. Und hat damit dem anderen geholfen. Stundenlang und tagelang erzählte der von seinem Leben, von den schrecklichen Taten, die er begangen hatte, aber auch von Gewalt und Lieblosigkeit, die ihn als Kind und Jugendlichen geprägt hatten.

Ich finde in dieser wahren Geschichte etwas von dem Satz wieder, den Jesus ruft: Kehrt um und glaubt an das Evangelium. Glaubt an die gute Botschaft, dass Gott uns Menschen nicht an unsere Schuld bindet. Gott kann uns losgelöst sehen von allem, was wir tun. Gott traut uns zu, dass wir mehr sind, als die böse Tat, die wir getan haben, mehr als der verletzende Gedanke, den wir denken.

Ein Mörder bleibt ein Mörder, aber Gott erinnert sich, dass er einmal das Kind war, das Zuneigung und Liebe gebraucht hätte. Als der Kommissar sich neben den weinenden Mann in der Zelle setzt, berührt er ihn mit Gottes Händen. Die Berührung löst etwas in dem Mann. Er beginnt zu reden. Was er aussprechen muss, ist schrecklich. Er weiß, dass er sich damit aus der Gesellschaft ausschließt. Der Kommissar hält es bei ihm aus. Er ist der einzige Mensch, dem der Geständige alles sagt. Dieser Mann, der auf dem Nachhauseweg umkehrte, um ein Versprechen zu halten, das er einem Mordverdächtigen gegeben hatte.

Audiobeitrag Zu einem Menschen umkehren


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