Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.11.09, Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer

Zum Umkehren verlockt

„Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ So übersetzt Luther den ersten Satz Jesu in der Öffentlichkeit.

Buße – darunter versteht die Alltagssprache heute meist Rache und Strafe. Rache und Strafe erniedrigen, machen mutlos und oft hoffnungslos. Genau das Gegenteil spürten die Menschen, die Jesus begegneten: Er sah die Schuldbeladenen an; er richtete die Erniedrigten auf, er heilte und tröstete die Kranken.

„Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“  Wenn ich Buße als Rache und Strafe verstehe, dann führt mich der  Ruf Jesu durch  ein Wechselbad der Gefühle: Beim ersten Satz richte ich mich auf und strecke mich Jesus entgegen, weil ich mich auf das Reich Gottes freue. Ich fühle mich so wie meine Kinder am Heiligenabend, wenn ich sage: Nur noch fünf Minuten. Dann ist Bescherung. Doch beim nächsten Satz schlägt dieses Gefühl um ins Gegenteil: Tut Buße und glaubt an das Evangelium – diese Aufforderung drückt mich nieder. Ich fühle mich wie ein Luftballon, aus dem die Luft rausgedrückt wurde.  Was Jesus von mir will, steht wie ein hoher Berg vor mir. Alle freudige Erwartung ist verflogen. Das schaffe ich nicht. Erst Strafe ertragen, dann auch noch glauben.

Anders geht es mir, wenn ich die Worte Jesu so übersetzt höre: „Der Augenblick ist gekommen, die Zeit  erfüllt. Die Gottesherrschaft ist nahegekommen. Kehrt zum Leben um und vertraut dem Evangelium!“

Ja, wenn ich das höre, geht mir das Herz auf und bleibt auch offen. Ich bin gespannt auf das, was da kommt. Denn das ist es ja, was ich ersehne: Leben, nicht Tod; aufrecht gehen und nicht niedergedrückt werden; froh sein und nicht verzweifeln. Zum Leben umkehren. Wenn Jesus das von mir will, bleibe ich gespannt und zuversichtlich.

Höre ich die erste Predigt Jesu so, dann kann ich verstehen, dass die drei Fischer Petrus, Jakobus und Johannes neugierig die Köpfe hoben, als Jesus zu ihnen an den See Genezareth kam. Sie saßen –über ihre Netze gebeugt – und gingen ihrer mühseligen Arbeit nach.  Wieder so viele Löcher zu flicken! Wieder so ein kärglicher Fang! Die drei lebten von der Hand in den Mund, genau wie ihre Väter und Großväter. In jeder Generation dasselbe zermürbende Leben, mit wenig Erfolg und viel gesellschaftlicher Verachtung.

Zum Leben umkehren – wie schön wäre das! Und da steht einer, sieht nicht viel anders aus als sie, auch seine Hände haben Schwielen, auch sein  Kleid hat Flecken – aber seine Augen strahlen und blicken sie an. Sie, Petrus, Jakobus und Johannes. „Mit dem möchte ich gehen“, sagt der eine, und die anderen nicken. Mit Jesus zum Leben umkehren, das klingt für sie nicht nach Strafgericht. Nein, das klingt für sie nach einem ersehnten Neuanfang.

Um Umkehren und neu Anfangen wird es in den Morgenandachten dieser Woche gehen. Ich lade Sie herzlich ein mitzukommen.

Audiobeitrag Zum Umkehren verlockt


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