Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.11.09, Pfarrer Jönk Schnitzius

Kevin

Fast nicht zu glauben. Ich nenne ihn mal Kevin. Kevin steigt aus. Aus der rechten Szene.Kevin ist, na ja war, das, was man extrem gewaltbereit nennt. Und Alkoholiker.

Polizei bekannt als Intensivtäter. Kevin ist im Knast wegen Totschlags. Kevin ist 15 Jahre alt. Seinen 16.ten Geburtstag wird er im Gefängnis feiern, - und die, die danach kommen auch.

Ich sehe Kevin einmal in der Woche. Dass ich den ganzen rechtsradikalen Mist nicht hören will, habe ich ziemlich früh gesagt. „Was ist eigentlich so wichtig für dich bei denen?“ „Dass ich dazugehöre“, sagt er. Und das man zusammenhält. Und das zusammen saufen – natürlich. Kevin trinkt nicht mehr. Irgendwann sagt er: „Ich muß bestimmt in die Hölle.“ „Glaub ich nicht,“ sag ich. Kevin kommt regelmäßig zum Gottesdienst und möchte konfirmiert werden.

Nach einem Jahr wird er verlegt: „Ich will mir jetzt die Haare wieder wachsen lassen“, sagt er. Wenn ich jetzt Post von den rechten Freunden kriege, schreibe ich denen, dass ich Michael Jackson gut finde – und jetzt in die Kirche gehe.  – Dann schreiben die nicht mehr. Fast nicht zu glauben.

Dabei will er vor allen Dingen Eines: Dazugehören. Wer will das nicht? Dabei ist ja erst einmal nicht entscheidend: wozu oder zu wem. Entscheidend ist: Ich gehöre dazu. Zu meiner Familie. Meinen Freunden. Meiner Arbeit. Meinem Land. Ich gehöre zu denen, die ähnliches glauben oder die, die gleichen Überzeugungen haben. Klar, jetzt gibt es auch die Menschen, die sagen: „Ich gehöre keinem club an und will das auch nicht, denn ich gehöre nur zu mir“. Auch die, sind nicht allein, sondern gehören eben zu ihrer Gemeinschaft der Gleichgesinnten.

Und wenn ich mich da offensichtlich nirgendwo zugehörig fühle? Nicht wirklich zu meiner Familie. Nicht zu irgendwelchen Freunden. Nicht zu einer Berufsgruppe. Dann wenigstens zu einem Land. So war das bei Kevin: Der Alkohol sagt: Ich bin dein Freund und du gehörst dazu. Die Neonazis sagen: Bekenne dich und du gehörst dazu.

Kinder müssen dazugehören. Jugendliche auch. Bei Erwachsenen ist das nicht anders. Die Frage ist nur: um welchen Preis? Der Preis für Kevin war sehr hoch. Ich glaube, der Preis kann ruhig sehr hoch sein, wenn es um Überzeugungen geht, die von der Liebe zum Leben und den Menschen getragen sind.

Gott sagt seinem Volk und allen die es wollen: Du  gehörst zu mir. Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Du gehörst zu mir!

Den Preis, den ich zu zahlen habe ist:  Ich muß aufhören, mein eigener Gott zu sein.

Also: Nicht so weit weg – von Kevin.

Audiobeitrag Kevin


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