Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.11.09, Pfarrer Jönk Schnitzius

Gemeinwohl

Natürlich gibt es Unterschiede. Sicherlich kommt es auf den Einzelnen an. Und – jeder ist verantwortlich.

Ich bin jedoch der Meinung, dass ich als Christ nicht aus der Verantwortung komme. Für Andere. Für Arbeitslose zum Beispiel. Als Christ bin ich verantwortlich für meinen Nächsten, wie mich selbst. Als deutscher Staatsbürger auch, wie ich meine.

Ich sage dies, weil auch nach der Bundestagswahl zu hören und zu lesen ist: Arbeitslose müssen vor allen Dingen gefordert werden. Im Unterschied zur Förderung. Eben gefordert. Weil, - wenn man das nicht tun würde – fordern – dann, würden es sich die Betroffenen auf Kosten des Staates und der Wohlfahrt womöglich bequem machen. Weil: Die wollen ja in Wirklichkeit gar nicht arbeiten. Meinen viele.

Das eigentliche Problem wird verschwiegen: Es gibt einen eklatanten Mangel an verfügbaren Arbeitsplätzen.

Es ist das tägliche Brot aller sozialen Träger: Durch die Hartz IV Gesetzgebung haben sich zwei grundsätzliche Dinge nicht geändert: Erstens besteht nach wie vor das Strukturproblem einer hohen Langzeitarbeitslosigkeit. Und Zweitens – und das ist der Teil, über den so gut wie nicht geredet wird – gibt es einfach viel mehr Arbeitssuchende, als Angebote auskömmlicher Erwerbsarbeit. Auskömmliche Erwerbsarbeit heißt: Eine Arbeit, die einen Lohn hat, mit dem man auskommen kann. Mit anderen Worten: Man geht arbeiten und kommt damit über die Runden.

Allerdings ist dagegen steigend die Zahl der sogenannten: working poor. Der arbeitenden Armen. Menschen, die um aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen, jede Arbeit annehmen. Und sei sie noch so schlecht bezahlt. Eben auch dann, wenn der Lohn so schlecht ist, dass man mit ihm allein nicht über die Runden kommt. Und nur mit zusätzlicher Unterstützung durch Staat und Wohlfahrtsträger überleben kann.

Die Rede ist von Überleben. Nicht von Teilhabe. Nicht davon Anteil zunehmen, mitmachen zu können, wenn es z.B. darum geht ins Kino zu gehen oder ein Bildungsangebot wahrzunehmen. Wenn es um den Schulausflug geht, um die Kinderbetreuung, um das Schulmittagessen, um ein Sportangebot oder, oder, oder. Es ist offensichtlich, dass die Hartz IV – Idee man müsse, Arbeitslose nur mehr fordern, aktivieren, gescheitert ist. Jedenfalls im Sinne eines Gemeinwohls, das die Benachteiligten einer Gesellschaft stärken will Fatal ist zusätzlich, dass den von Arbeitslosigkeit Betroffenen zunehmend soziale Kälte begegnet, die sich in Schuldzuschreibungen äußert. Nach dem Motto: selbst schuld.

Nur ein Beispiel: Wenn ein Großkonzern wie Quelle, mehrere tausend zum Teil langjährige Mitarbeiter entläßt, dann liegt die Verantwortung bei denen, die für die Strukturen verantwortlich sind, und nicht bei dem einzelnen Mitarbeiter. Noch einmal: Als Christ bin ich verantwortlich. Auch für das Gemeinwohl. „Jeder ist sich selbst der Nächste“, ist keine christliche Möglichkeit. Wir sind in der Verantwortung Menschen, durchaus materiell, zu stärken, zu unterstützen, um ihnen Teilhabe zu ermöglichen. Um unseres Gemeinwohl willens. Um der Würde der Menschen willen. Um Gottes Willen.

Audiobeitrag Gemeinwohl


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