Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.11.09, Pfarrer Rainer Withöft

Mit meinem Gott über Mauern springen – 20 Jahre Mauerfall

Bewegung ist Leben, Stillstand der Tod.. Wer verändern will muss oft vieles auf sich nehmen, damit Wandel möglich wird.

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, ich bin Rainer Withöft und arbeite als Pfarrer in Wuppertal. Ich erlebe immer wieder, wie schwer und zugleich wichtig es ist, über Bekanntes und Gewohntes hinaus zu denken und zu handeln.

Musik  Unsere Zeit – Unsere Lieder, 23. DEKT 1989, Berlin, KTS 89 CD, Einspielung aus Track 7: Eines Tages

Eines Tages, so singt der Vogel im freien Land, werden die Menschen ihre Freiheit erfahren in Liebe und Frieden mit Gott. In fast schon prophetischer Weitsicht singt die Sängerin von dem, was Menschen in unserem Land in diesen Tagen feiern. Vor 20 Jahren sang der Vogel von der Freiheit. Am 9. November 1989 gegen 19.00 Uhr verlas das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski den Beschluss des DDR-Ministerrats, der eine freie Ausreise garantiert.

O-Ton Günter Schabowski:  ..also, Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse beantragt werden. Genehmigungen werden kurzfristig erteilt...Das gilt ab sofort.

Autor: Mit dieser fast schon beiläufigen und dennoch legendären Bemerkung hat Günter Schabowski seinerzeit die Mauer geöffnet. Noch am selben Tag strömten tausende DDR-Bürger an die Grenzübergänge Ost-Berlins. Etwa 50.000 Menschen wurden auf der Westseite des Brandenburger Tors von jubelnden Westberlinern empfangen.

O-Ton: „Die Mauer ist weg“

Autor: Mauern, können auf  ganz verschiedene Art und Weise überwunden werden. In der Bibel wird an vielen Stellen von Veränderungen, Neuanfängen und gewaltigen Bewegungen berichtet – und auch von gewaltsamen Mauerfällen. Der Feldherr Josua erobert die schier unüberwindliche Mauer der Stadt Jericho allein dadurch, dass er 7 Tage lang die Stadt umkreist und 7 Priester dabei 7 Posaunen blasen.

Musik: Kirchentagsintrada Posaunenchor - Christ ist erstanden

Autor: Die Mauer fällt tatsächlich um und die Menschen und Güter der Stadt werden zur leichten Beute von Josuas Soldaten. Durch Kriegsgeschrei und Posaunenlärm zerbersten die Steine, gewalttätig ziehen die Kriegsleute in die Stadt und überfallen alles, was sich bewegt. Eine grausame Mauergeschichte wird uns hier präsentiert, alles wird dem Erdboden gleichgemacht, nachdem die Mauer durch Kriegslärm gefallen ist.

O-Ton: „Die Mauer muss weg“ 

Autor: Ein Psalmwort aus Psalm 18 gibt uns etwas anderes an die Hand, das aufhorchen lässt. In Vers 30 heißt es: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Ein starkes und phantastisches Bildwort. Natürlich war Israel immer in verschiedene Kriegssituationen verwickelt. Natürlich steht auch dieses Bildwort nicht einfach so isoliert da. Es ist auch nicht als freundlicher Hinweis zu deuten, mit Gott mal eben so über Mauern zu springen. Auch diese Worte sind in eine Kriegssituation hineingeschrieben, auch dort geht es um die Zerschlagung von Kriegsvolk.

Und dennoch, dieses Bild verrät mehr als nur die Beschreibung einer Greueltat oder die Erinnerung an eine feindliche Übernahme wie in Jericho. Diese Worte wollen die Einsicht stärken, dass nicht immer nur skrupellose Gewalt und unersättliche Machtgier zum Ziel führen, Mauern zu überwinden.  Leichtigkeit, Konsequenz, Vertrauen und Zuversicht führen zu unvorstellbaren Veränderungen, können Geschichte schreiben ohne verbrannte Erde zu hinterlassen.

Der Glaube kann Berge versetzen, daran hat sich meine Großmutter immer schon festgehalten, gerade während und nach den beiden Weltkriegen, die sie miterleben musste.

Musik: John F. + Gropiuslerchen
Berlin, Berlin, dein Herz braucht keine Mauern,

Autor: Über Mauern springen, das hatten sich die Menschen in der ehemaligen DDR oft  gewünscht. Manch einer hat diesen Versuch mit seinem Leben bezahlen müssen. Im November 89 war es dann möglich, auf die Mauer zu klettern und sie zu überspringen.  Vorangegangen sind viele richtungsweisende Veranstaltungen und Gottesdienste, die diese Veränderung vorbereitet haben. Taten, Worte, Gebete, die in ihrer Summe etwas bewegt haben.

Autor: Es waren die zahlreichen Montagsdemonstrationen seit August 89 in der Leipziger Nikolaikirche, an denen ständig mehr Menschen teilnahmen und die mit ihrem Motto „Wir sind das Volk“ den friedlichen Anstoß zur Wende gaben.

Einspielung: Demonstrationsrufe „Wir sind das Volk“

Autor: Nicht zuletzt Kirchenmenschen haben im Gebet und in der Verkündigung maßgeblich dazu beigetragen, dass der Druck immer größer wurde und schließlich die Ausreisegenehmigung für alle erteilt wurde. So konnten die Menschen mit ihrem Gott tatsächlich über die Mauer springen. Der Gott, an dessen Gegenwart sie in zahlreichen Gottesdiensten und Veranstaltungen erinnert worden sind.  Vielen von uns sind die Bilder noch vor Augen, wo Menschen vor, auf und hinter der Mauer gefeiert, getanzt und sich umarmt haben.

Musik: Mädchen aus Ost-Berlin, Udo Lindenberg (1973)

Autor: Der Fall der Mauer vor 20 Jahren hat vor allem die Menschen wieder zueinander geführt. Noch heute erzählen sich die einst getrennten Familien, wie sie die „Gänsefleisch-Grenze“ erfahren haben. Das ist ein ostdeutscher Name für die Grenzkontrollen, wo der Grenzbeamte bei jedem Fahrzeug die Frage stellen musste: Gänse fleisch bitte ma de Kufferraum uffmache..?
Musik:  Mauern meiner Zeit, Reinhard Mey

Autor: Ich habe als Kind auf vielen Reisen nach „trüben“ mit meiner Familie diese beklemmende Atmosphäre erlebt. Wir besuchten damals regelmäßig eine Pfarrfamilie in Weimar. Unser Auto wurde zuvor an der Zonengrenze  in seine Bestandteile zerlegt. Es wurden Sitze herausgeschraubt, der Tank mit einer Teleskopstange überprüft, mit Spiegelwagen die Unterseite des Fahrzeugs erkundet. Jedes Schriftstück, auch die Werbebroschüre aus der Apotheke wurde konfisziert. Nach drei Stunden duften wir weiterreisen. Aber unserer Freunde wegen waren  selbst diese Strapazen nicht zu viel. Wie herzlich wurden wir empfangen, wie dankbar waren diese Menschen, dass wir all‘ diese Umstände auf uns nahmen. Zwangsumtausch, persönliches Erscheinen beim Volkspolizeikreisamt, all das nahmen wir geduldig in Kauf, um für einige Tage einander nahe zu sein. Auf die Frage, wie es ihnen geht antworteten sie stets: „Uns geht es k-östlich“, das K sollten wir dann in Gedanken streichen.

Musik: Unsere Zeit – Unsere Lieder, 23. DEKT 1989, Berlin, KTS 89 CD
 Einspielung aus Track 10: Es kommt die Zeit


Autor: Bis heute haben meine Eltern den guten Kontakt zu den Freunden aus Weimar beibehalten. Endlich können sie auch den Gegenbesuch zu meinen Eltern antreten, wie es unter Freunden oft geschieht. Endlich können die Entscheidungen unabhängig von staatlichen Reglementierungen und wirtschaftlichen Einschränkungen gefällt werden. Endlich können lang gehegte Träume wahr werden.

Autor: Träume sind immer schon wichtig gewesen. Die Vorstellung: Alles kann auch ganz anders sein, hat Menschen dazu gedrängt, bestehendes Unrecht  zu verändern und ungute Verhältnisse zu beseitigten Träume können Menschen in Bewegung bringen und Geschichte schreiben. Der Traum, mit seinem Gott über Mauern zu springen ist für mich dabei unaufgebbar. Hier werden poetische Kräfte freigesetzt, die sich auch in die Tat umsetzen lassen. Ohne das tiefe Vertrauen, die unbändige Zuversicht, die inständige Hoffnung, dass Gottes Wort die Menschen zu unvorstellbaren Veränderungen veranlassen kann, wäre es nicht zu dem gekommen, was vor 20 Jahren in Deutschland geschehen ist. Menschen sind tatsächlich über die Mauer gesprungen, aus der Kraft des Gotteswortes haben sie Unmögliches möglich werden lassen.

O-Ton: „Die Mauer ist weg“ (Volkesstimme)

Autor: Wenn die Feierlichkeiten zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls beginnen, werden die Zweifler und Nörgler erfahren: 20 Jahre Mauerfall, das feiere ich in dem guten Gefühl: keine Mauer ist zu hoch, als dass sie nicht überwunden werden kann, kein Zaun, keine Beschränkung, keine Tore sind zu verschlossen und unüberwindbar, als dass sie nicht eingerissen oder geöffnet werden können.  Vielleicht können wir uns das angesichts der unsichtbaren und sichtbaren Mauern ganz bewusst vor Augen halten. Ganz gleich ob in Nordkorea, in Palästina, in Irland oder Afghanistan: Der Glaube an die Verheißung, dass Gott mit mir ist, wenn Grenzen und Mauern mein Leben einschränken, weckt vielleicht die Zuversicht, dass dieser Zustand eines Tages auch verändert werden kann. Der Psalmbeter hat ausgesprochen, was Menschen damals und heute erfahren: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Ihr Rainer Withöft von der Evangelischen Kirche.

Musik: Blumfeld, Wir sind frei

Audiobeitrag Mit meinem Gott über Mauern springen – 20 Jahre Mauerfall


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