Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.11.09, Pfarrer Matthias Köhler

Der Wert des Lebens

Es gibt Geschichten, die lassen dich einfach nicht los. Die Geschichte von Peter, ein Mann Mitte 60, kurz vor der Rente.

Ein Mann mit Familie, noch berufstätig, bereitet sich aber langsam auf den Ruhestand vor. Vor einigen Jahren hat die Familie ein neues Haus gekauft, man will im Alter ja abgesichert sein…

Ein schönes Häuschen, mit Kiesauffahrt, zweiflügeliger Haustür mit Butzenscheiben, viel Grün. Peter freut sich darauf, bald mehr Zeit im Garten verbringen zu können, mehr Zeit für die Familie, für Freunde und Hobby zu haben. Die Geschichte eines glücklichen, eines gelungenen Lebens. Eine Geschichte die plötzlich kippt. Krankenhausflure, ernste Gesichter, Geräte, Medikamente, Bildschirme, Piepsgeräusche und eine ruhige tiefe Männerstimme verkündet eine hoffnungslose Diagnose. Peter ist krank. Er hat nicht mehr viel Zeit auf Gottes schöner Erde.Man entlässt ihn nach Hause.

Szenenwechsel: Das Wohnzimmer mit Blick in den großen Garten. Die Familie versucht die Nachricht zu verdauen. Und dann sagt Peter, dass er noch vor seinem 65. Geburtstag sterben will. Nicht wegen der Schmerzen, das geht schon. Auch nicht, weil er nicht mehr Leben will, nein. Er lebt gerne, genießt jeden Tag. Sondern wegen der Risikolebensversicherung. Weil die mit seinem 65. endet. Stirbt er vorher, bekommt die Familie 500.000 €. Und wenn er schon sterben muss, morgen oder nächste Woche oder nächsten Monat oder nächstes Jahr – dann will er wenigstens, dass seine Familie abgesichert ist. Warum sollte das Geld verfallen? Eine halbe Million Euro? Was sind dagegen schon ein paar Tage leben mehr oder weniger?

Gute Frage….Was sind ein paar Tage Leben wert? Was würde ich mir wünschen? Peter kommt es auf ein paar Tage oder Wochen nicht an. Er wünscht sich, dass seine Familie abgesichert ist. Das würde ich auch tun. Aber seine Familie sieht es genau andersrum. Jeder Tag, jede Stunde, die er noch da ist, zählt. Was ist schon Geld, und sei es noch so viel. Jede Stunde Leben ist unendlich wertvoll, weil sie unbezahlbar ist. Meine Familie würde genau so argumentieren.

Diese Geschichte verfolgt mich seit Wochen. Das klassische Dilemma:  Ein Grundsatz, den wir für richtig und gut erkannt haben – der unbedingte Wert des Lebens – scheint dem Alltag und den Anforderungen des Lebens nicht stand zu halten. Und das erschreckt mich am meisten. Das ich mir überhaupt die Frage stelle: Geld oder Leben.

Ihr könnt nicht zwei Herren dienen – Gott und dem Mammon. Hat Jesus einmal festgestellt. Und er hat recht. Das Geschenk des Lebens ist für uns nicht verfügbar. Wir können es nicht kaufen und nicht verkaufen. Es gehört uns nicht, ist uns nur geliehen. Aber unsere Welt ist derart vom Geld abhängig, derart auf das Geld fixiert, dass wir, dass ich beginne, Lebenszeit gegen Geld aufzuwiegen.

Eines habe ich gelernt an dieser Geschichte: Ich möchte mein Leben nicht vom lieben Geld abhängig machen, nicht gegen Geld aufwiegen müssen. Und Sie? Wie würden Sie entscheiden? Ein paar Wochen länger leben oder ein halbe Million für ihre Familie? Was ist Ihnen das Leben wert? Und: Leben sie entsprechend? Peter ist übrigens ein paar Tage vor seinem Geburtstag an seiner Krankheit gestorben.

Audiobeitrag Der Wert des Lebens


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