Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.11.09, Pfarrer Rüdiger Schnurr

Der Fall der Mauer

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Mit ganz wenigen Worten bringt das Lied von Helmut Schlegel, das uns diese Woche begleitet, zum Ausdruck, wonach wir uns sehnen,

liebe Hörerinnen und Hörer: Nach Wahrheit. Und das Lied sagt: Jesus Christus ist Wahrheit:

„Wasser des Lebens, sprudelnder Quellgrund, Christus, du Wahrheit, still meinen Durst.“

Anfang Oktober 1989 trafen wir  Christen aus unserer damaligen Partnergemeinde in Ostberlin. Und es lag was in der Luft, es war fast mit Händen zu greifen. Die Häuserfassaden wurden mit der Hammer und Sichel-Flagge der DDR und mit Parolen auf roten Transparenten geschmückt. Die Hauptstadt der DDR putzte sich für die Feier von 40 Jahren DDR heraus, während in anderen Städten, allen voran in Leipzig, schon die Montagsdemonstrationen für Freiheitsrechte und wirkliche Demokratie im Gange waren. Ein Volk war in Bewegung geraten. Friedlich – aber machtvoll. Es lag was in der Luft.

In den Gesprächen  mit den Menschen aus der Partnerkirchengemeinde wurde vor allem von der Hoffnung auf Veränderungen gesprochen, die Michail Gorbatschow, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion in seinem Land schon eingeleitet hatte. Er würde bei seinem Besuch zum Jubiläum seinen Einfluss auf das Regime in der DDR geltend machen.

Alle fieberten dem 7.Oktober entgegen. Aber das Politbüro der SED in der DDR war unbelehrbar. Dass mit Gorbatschows Reformpolitik, eine neue Zeit angebrochen war, wurde von der alten Parteiführung einfach ignoriert. Sie logen sich und dem Volk weiterhin etwas vor.

Ein paar Wochen später wieder daheim machte ich einen Besuch in meiner Gemeinde. Unterwegs stellte ich das Autoradio an. Es war der 9. November. Und da war es auf allen Kanälen zu hören: Die Mauer in Berlin und die Grenzübergänge zur Bundesrepublik waren offen. Zahllose DDR-Bürger waren in der Nacht schon aufgebrochen und in den Westen gegangen. Es war keine Flucht, die war nicht mehr nötig, denn die Grenze blieb ja in beide Richtungen offen. Es war ein unglaublicher Tag.

Ich dachte an unsere Gespräche mit den Christinnen und Christen in Ostberlin. Sie hatten uns auch von den Montagsgebeten in Leipzig erzählt, zu denen nicht nur Gläubige kamen. Viele andere hatten z.B. die Nikolaikirche in Leipzig aufgesucht, dort war ein Raum der Offenheit. Dort war die Keimzelle für den friedlichen Protest und bald auch für die gewaltlosen aber machtvollen Demonstrationen im Anschluss an die Gebete.

Vielleicht war es sogar für viele Christen überraschend, dass sich aus den Vorträgen und Gesprächen in der Kirche und vor allem aus den Gebeten eine solche Bewegung des Volkes für Freiheit und Demokratie - „Wir sind das Volk!“ – entwickeln konnte. Aber hier war ein Ort, wo nach der Wahrheit gefragt werden konnte. Denn hier wurde auf die Wahrheit gehört, hier wurde zum Beispiel nach dem gefragt, was Jesus Christus über die Gewaltlosigkeit und die Bereitschaft zum Frieden und Versöhnung meint. 

Die Lügengebäude und die Täuschungsmanöver waren als hohl entlarvt worden. Durch brennende Kerzen, durch mutige Aufklärung und - durch Gebete, ja, vor allem wohl durch sie:

Wasser des Lebens, sprudelnder Quellgrund, Christus, du Wahrheit, still meinen Durst.

 

Audiobeitrag Der Fall der Mauer


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