Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.11.09, Pfarrer Rüdiger Schnurr

Heimweh nach Pommern

„Wasser aus Heimweh, Tränen, die heilen; Gott, lass mich weinen, wasch mein Gesicht.“

Über diese Strophe aus dem Lied  des Franziskaners Helmut Schlegel, habe ich länger nachgedacht, als über die anderen. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Heimweh nach dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, nicht kenne. Aber ich weiß, wie es ist, wenn man sich fremd und ungeborgen vorkommt. Zur Ruhe finde ich dann durch die Menschen, die mir vertraut sind. Zu ihnen zieht es mich immer wieder hin, zu meiner Frau und unseren Kindern und deren Familien, zu den Freunden.

Heimweh, überkommt einen in der Erinnerung an die Zeiten und Umstände, in denen man glücklich gewesen ist. Das ist mir bei einem alten Mann aus unserer Gemeinde, der aus Pommern stammte, deutlich geworden.

„Ich habe hier ein Zuhause gefunden, aber keine Heimat!“ Diesen Satz hat er ganz oft gesagt. Er sagte das ohne Verbitterung, er konnte seine Dankbarkeit dafür zeigen, dass er in unserer Region wieder Fuß fassen konnte. Aber wenn er und seine Frau dann von der pommerschen Heimat erzählten, dann leuchteten seine Augen und sie füllten sich mit Tränen. Ein wenig verschämt wischte er sie aus den Augen. Dabei lächelte er und sprach weiter: Er konnte so anschaulich über sein Dorf erzählen und von seinem Hof. Was waren das für Tränen? Gewiss: Trauer und Schmerz waren immer dabei. Aber so ganz verlorengegangen war ihm die Heimat doch nicht. Er trug sie in sich, er lebte mit ihr, aber er verzehrte sich nicht nach ihr. Er wurde nicht bitter, denn er bewahrte eine wunderbare Erinnerung an sein früheres Leben dort. In seinen Tränen spiegelte sich dieses Leben wieder.
 
Der Tränen, die aus solchen Erinnerungen kommen, braucht sich keiner zu schämen. Diese Heimwehtränen sehnen einen Frieden und eine Heilung herbei. Darum ist die Bitte in dem Lied „Gott, lass mich weinen“  für mich sehr gut zu verstehen. Denn die Tränen, die auf dieser Erde vergossen werden, die Tränen jedes einzelnen Menschen, rufen nach Gott und rühren sein Herz. Daran dürfen Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, sich erinnern lassen. Ihre Tränen sind von Gott gezählt. In der Bibel heißt es einmal: „Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.“ (Psalm 56,9) So betet einer zu Gott, einer, der sich ziemlich alleine gelassen und von allen möglichen Leuten bedroht sieht. Für ihn sind es Feinde, die ihm auflauern und nach dem Leben trachten. Er muss vor ihnen fliehen. Vor ihnen wird er ganz bestimmt nicht weinen, den Triumph wird er ihnen nicht gönnen. Aber vor Gott kann er es. „Gott lass mich weinen!“

In den Worten seines Gebets liegt keine Verbitterung über sein Schicksal. Aber ganz viel Hoffnung, dass Gott ihm hilft. Er trägt die Erinnerung an Zeiten in sich, in denen er viel Glück erfahren hat. Jetzt ist für ihn eine andere Zeit gekommen. Er hat viel verloren. Einer verliert die Heimat, ein anderer einen Menschen, den er über alles geliebt hat. Und manchmal dauert eine solche Zeit, in der uns die glücklichen Tage nur noch als Erinnerungen geblieben sind, bis zum Tod. Bis ans Lebensende haben die Tränen nicht aufgehört zu fließen.

Einen der schönsten Sätze über Gott finde ich im letzten Buch der Bibel: Dann, wenn eigentlich alles schon gut ist, wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde geschaffen hat, dann wird Gott noch etwas Wunderbares tun. Es heißt von ihm: „Gott wird abwischen alle Tränen von den Augen der Menschen.“ (Offenbarung 21,4)

Warum wohl? Damit wir endlich klar sehen können, dass wir im Haus der Liebe Gottes, in unserer Heimat, angekommen sind.

Audiobeitrag Heimweh nach Pommern


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