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Kirchenasyl
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Gewiss haben auch Sie, Zeiten erlebt, in denen es so aussah, als ob sich alles gegen Sie verschworen hätte.
Zeiten, in denen Sie aufgeben und alles hinschmeißen wollten. Ich möchte Ihnen von einer solchen Zeit in unserer Gemeinde erzählen. In jenen Wochen haben wir genau das erfahren, was der Franziskaner Helmut Schlegel in seiner Wassermeditation so beschreibt:
Wasser der Wüste, brich aus dem Felsen; Gott will dich tränken, Volk auf dem Weg.
Unsere Gemeinde hatte sich verpflichtet für eine armenische Familie, die von Abschiebung bedroht war, alles einzusetzen, um ihnen den Aufenthalt in Deutschland möglich zu machen. Als alle juristischen Mittel ausgereizt waren, wurden wir uns schnell einig: Wir nehmen Vater, Mutter und Tochter ins Kirchenasyl. Wenn man das doch immer alles vorher wüsste, auf was man sich einlässt. Manchmal ist es gut, wenn man nicht zu lange nachdenkt.
Wir haben das damals einstimmig im Kirchenvorstand beschlossen. Und dann ging es los. Wir nahmen Kontakt zu den Behörden auf. Eingaben wurden gemacht. Ein Einkaufsdienst musste eingerichtet werden. Wir bewachten rund um die Uhr das Gemeindehaus, weniger aus Angst vor einem Zugriff der Polizei, als vor Angriffen und Pöbeleien der Ausländerfeinde aus der rechten Szene. Mal waren wir sehr zuversichtlich, dann wieder schwanden alle Hoffnungen. Dann kam das Gerücht auf, das Kirchenasyl wird gewaltsam aufgelöst. Das blieb aber nur ein Gerücht. Wir hörten von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Die Nerven lagen manchmal blank. Und keine Lösung war in Sicht.
Sehr oft habe ich in jener Zeit an die Erzählungen über die Wüstenwanderung des Volkes Israel gedacht. Wie ausweglos dem Volk der Weg in die Freiheit, in das Land ihrer Träume, oft gewesen ist, wie oft sie am Ende waren und aufgeben wollten.
Unser Kirchenasyl war manchmal so ein Weg durch die Wüste. Aber so oft wir auch mit unserem Latein am Ende waren, genau so oft gab immer wieder eine neue Perspektive der Hoffnung Nahrung. Unsere Familie und wir haben sehr viel Sympathie und Solidarität erfahren. Da sagte uns einer: Also, wenn ihr wirklich mit der Abschiebung rechnen müsst, dann pack ich eure Leute in meinen Wagen und fahre sie in mein Ferienhaus im Ausland. Und wir wussten, der steht zu seinem Wort. Man glaubt nicht, wie viel Mut so ein Satz auf einmal macht. So ging es uns öfters, bis, ja bis dann auf einmal ein Weg gefunden wurde, der sogar juristisch ziemlich einwandfrei war. Nach anderthalb Jahren konnte unsere Familie bleiben. Viele, Politiker und Behören haben uns geholfen.
Neun Jahre ist das jetzt her. Und die Familie lebt immer noch bei uns. Jeden Tag rechnen sie damit, dass ihnen die Einbürgerungsurkunde für unser Land überreicht wird. Sie wollen für immer hier bleiben, bei ihren Freunden und bei der Arbeit, die sie gefunden haben. Ich habe in der Zeit des Kirchenasyls gelernt, dass selbst in schwierigsten Situationen noch Hoffnung besteht. Als dem Volk Israel wieder einmal alle Wege verbaut schienen, als die Menschen vor Durst keinen Schritt mehr weitergehen konnten und erschöpft aufgeben wollten, schlug Mose mit seinem Stab auf Gottes Befehl Wasser aus dem Felsen. Klares, frisches Quellwasser sprudelte für das wandernde Volk Gottes.
Ich will mich daran erinnern: In den Wüsten unseres Lebens gibt es für Gott genügend Felsen, aus denen er Hoffnung und Mut für uns herauszuschlagen weiß.
Kirchenasyl
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