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Fräulein Rüggeberg
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Erst kürzlich habe ich ein Lied entdeckt. In sechs Strophen meditiert es auf fromme Weise das Wasser.
Der Franziskanerpater Helmut Schlegel hat den Text verfasst. In einer Strophe heißt es:
Wasser der Quelle, ströme zum Meer hin; dir gleicht mein Leben: mündet in Gott.
Wie das sein kann, dass ein Leben wie ein Strom in Gott mündet, hab ich bei Fräulein Rüggeberg kennen gelernt. Fräuleins gibt es ja eigentlich nicht mehr. Die müssen irgendwann in den letzten zwanzig, dreißig Jahren ausgestorben sein. Aber trotzdem will ich heute von einer Frau berichten, die für mich nach wie vor nur das Fräulein Rüggeberg ist. Und ich denke auch ein Vierteljahrhundert nach ihrem Tod nur mit dankbarer Hochachtung an sie.
Sie ist schon weit über achtzig gewesen, als ich sie kennen lernte. Sie wohnte schon seit einiger Zeit in einem Pflegeheim, in dem sie von katholischen Ordensschwestern betreut wurde. Eine von ihnen rief mich eines Tages an und sagte, das Fräulein Rüggeberg wolle den neuen Pastor gerne kennen lernen. Ich traf beide in ihrem kleinen Zimmer an. Es war schon dunkel und vor einem Tisch mit einer brennenden Kerze saß das Fräulein Rüggeberg im Rollstuhl. Nach den ersten Worten der Begrüßung fing sie an aus ihrem Leben zu erzählen. Dass sie bis vor wenigen Jahren noch in einer Bäckerfamilie gewohnt habe. Dort war sie nach dem Krieg aus dem Osten geflüchtet untergekommen. Sie sei in dem Haus die einzige Evangelische gewesen. Aber sie gehörte dazu, obwohl sie doch fremd gewesen sei, eine Vertriebene noch dazu.
Dieser ersten Begegnung folgten noch viele andere. Und immer mehr erfuhr ich von ihr. Über die Verlobung und wie lieb sie ihren Freund gehabt habe. Und dass die Hochzeit schon geplant war. Und dann kam ja der Krieg und dass ihr Verlobter ziemlich bald gefallen ist. Es gab dann keinen anderen Mann mehr, es waren ja auch kaum noch welche da. Und das alles erzählte sie ohne Bitterkeit. Wissen Sie, Herr Pastor, ich hab ja nur liebe Menschen kennen gelernt. Das fing mit meinen Eltern an. Ja, ich hatte auch Träume, ich bin als junges Mädchen gerne tanzen gegangen. Da habe ich auch meinen Freund kennen gelernt. Leider starb er so früh. Ja, und jetzt sind immer noch liebe Menschen um mich herum. Die hat mir der liebe Gott geschenkt. Und dann kam am Ende immer der Satz, auf den ich dann bei jeder Begegnung schon wartete: Herr Pastor, ich kann ja nicht mehr zur Kirche laufen. Aber an jedem Sonntag, wenn die Glocken läuten, dann bete ich für Sie und für den Gottesdienst, und wenn es kein anderer tut, ich mache es. und mit einem verschmitzten Lächeln fügte sie zur Ordensschwester gewandt hinzu: Ich bete auch für die katholischen!
Das Fräulein Rüggeberg strahlte immer einen großen Frieden aus. Ihr Leben hatte nach vielen fröhlichen, aufregenden und entbehrungsreichen Jahren zu einem ruhigen Dahinfließen gefunden. So wie es Helmut Schlegel in seinem Wasserlied beschrieben hat:
Wasser der Quelle, ströme zum Meer hin; dir gleicht mein Leben: mündet in Gott.
Ich erinnere mich, dass ich einmal abends spät noch zum Fräulein Rüggeberg gegangen bin, weil ich das nach einer anstrengenden Woche noch einmal gerne hören wollte: Ich bete für sie, und wenn kein anderer es tut, ich mache es? Und sie hat es Sonntag für Sonntag bis zuletzt getan. Schon lange ist ihr Leben in Gott eingemündet. Dass auch Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, solchen Menschen begegnen, das wünsche ich Ihnen.
Fräulein Rüggeberg
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