Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.11.09, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Leistungsdruck

O-Ton 1: Je älter ich geworden bin, je mehr Erwartungen hatten meine Eltern eigentlich an mich... allerdings war immer ein sehr hoher Leistungsdruck.

Autor: Natalie, inzwischen 20 Jahre alt und Auszubildende, blickt auf ihre Kindheit und Jugend in einer Familie mit hohen Anforderungen der Eltern an die Kinder zurück. „Leistung“ stand  in ihrer Familie immer im Vordergrund- dabei sehnte sich Natalie nach anderem:

O-Ton 2: Aber viele andere Dinge haben halt nicht so ne große Rolle gespielt,-  wie Familie, so Dinge, zusammen essen, oder dass einfach über Probleme gesprochen wurde. So Dinge sind irgendwo eher nebensächlich gewesen. Es war sehr oft auf „Leistung“ eigentlich alles gelegt.

Autor: Dabei war Natalie gar keine schlechte Schülerin und sieht sich durchaus selbstkritisch:

O-Ton 3: Ich muss schon zugeben, dass meine Interessen nicht unbedingt so gelegen waren, dass ich jetzt nur Einsen in der Schule schreibe – aber ich war immer im mittleren Feld, würd ich so sagen. Ich bin auch nie sitzen geblieben, aber das war meinen Eltern irgendwo nie genug.

Autor: Was Natalie statt der Zuwendung und Gesprächsbereitschaft von ihren Eltern bekam?

O-Ton 4: Viel Materielles. Geldbeträge. Damit wurde das im Grunde ausgeglichen.

Autor: Irgendwann hat Natalie im Blick auf ihre Eltern innerlich resigniert und sich gesagt:

O-Ton 5: Du ziehst hier jetzt einfach nur noch dein Ding durch – es ist eh nie genug!“ (...) Immer wieder: „Alles ist schlecht!“ Von daher war es dann bei mir einfach so, dass ich dann ziemlich früh versucht habe, irgendwo mich dann doch durchzusetzen. Und eben halt auch mit 18 meine Möglichkeit gesehen habe, auszuziehen.

Autor: Was ist in den letzten Jahren für ein gewaltiger Leistungsdruck aus der Gesellschaft in die Elternhäuser und Kinderzimmer gelangt. Wie viele Eltern mittlerweile von Ängsten getrieben werden, ihre Kinder könnten in der rauhen Marktwirtschaft nicht mehr genügen und bestehen. Eben solcher Leistungsdruck hat das Zusammenleben für Natalie und ihre Eltern irgendwann unmöglich gemacht.

O-Ton 6: Und da gab’s auch richtig großen Krach zu Hause. Weil auf der einen Seite hieß es vorher immer „wir schmeißen dich raus, das geht so nicht mehr“ – aber auf der anderen Seite war tierisch großer Krach, als ich dann ausgezogen bin.

Autor: „Du sollst deine Eltern ehren!“ – das alte biblische Gebot kennt jeder. Die Umkehrung gibt’s aber auch. „Lasst eure Kinder nicht verbittern“ heißt die. Auch die Kinder gehören geehrt.

Achtung durch Beachtung. Oder in Natalies Fall: Schutz vor den zerstörerischen Ansprüchen einer immer aggressiveren Leistungsgesellschaft. Für Natalie hat ihre Flucht aus dem Elternhaus zumindest eine kleine Veränderung in der Wahrnehmung der Eltern bewirkt:

O-Ton 7: Und das ist heute anders – also – mittlerweile haben meine Eltern mir auch schon nen gewissen Grad Anerkennung zugestanden, was ich schon alles geleistet hab und dann fällt es mir auch leichter mit den Dingen umzugehen und die auch anzusprechen.

Autor: „Lasst eure Kinder nicht verbittern“.Zeigt ihnen, dass ihr sie nicht in erster Linie als Leistungsträger und Leistungsbringer seht – sondern als geliebte Menschen.

Audiobeitrag Leistungsdruck


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