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"Kleine Bären und andere Irrtürmer"
Wenn meine Tochter abends mit ihrem Lieblingsbuch ankommt, damit ich ihr daraus vorlese, dann weiß ich: Das gibt wieder ein Problem!
Dabei ist das Buch eigentlich ganz nett. Es handelt von zehn kleinen Bären, die gemeinsam zu einer Geburtstagsfeier gehen. Jeder Bär hat seine besonderen Eigenschaften und bringt ein entsprechendes Geschenk mit. Der Naschbär hat einen Kuchen, der Grünbär eine Topfblume und der Brummbär singt ein Lied. So weit, so gut. Aber jedes Mal, wenn ich vorlesen will, was Lisi Bär macht, sagt meine Tochter: Nein! Das ist Mini-Bär! Und wenn ich den Abschnitt über Mini-Bär lesen will, dann verkündet sie: Nein! Das ist Lisi Bär! Irgendwann hat sie diese Überzeugung entwickelt, dass Lisi Bär in Wirklichkeit Mini-Bär ist. Und umgekehrt.
Manchmal starte ich noch den Versuch, ihr das Gegenteil plausibel zu machen. Aber ohne Erfolg. Also gebe ich schließlich nach und denke: Menschenskind! So klein und schon so fixiert auf den eignen Standpunkt. Obwohl der doch definitiv falsch ist.
Andererseits ist das ja kein Phänomen, das auf kleine Kinder beschränkt ist. Auch Erwachsene beharren auf Standpunkten, die ich für definitiv falsch halte. Neonazis, Atomkraftbefürworter, Radikale aller Art, Menschen, denen es nur um den eigenen Vorteil geht - manchmal denke ich bei solchen Leuten auch: Die kapieren einfach nicht, wie sehr sie daneben liegen mit ihrer Ansicht. Allerdings denken das manche Leute auch von mir. Ich stimme schließlich auch nicht immer zu, wenn mir jemand was plausibel machen will. Und natürlich ist es auch schon vorgekommen, dass ich auf meinem Standpunkt beharrt habe. Und später erkennen musste, wie sehr ich daneben lag.
Die Gefahr, dass jemand so sehr in seiner Meinung gefangen ist, dass er nichts anderes mehr gelten lassen kann - diese Gefahr besteht also nicht nur für Extremisten und Fanatiker. Sie besteht für alle Menschen. Wenn deshalb Jesus über engstirnige Menschen klagt, dann redet er nicht über irgendwelche Splittergruppen. Sondern er meint die bunt gemischte Menschenmenge, die er gerade vor sich hat. Diesen Leute sagt Jesus: Wenn ihr doch bloß erkennen würdet, was richtig ist und was zum Frieden dient! Wenn ihr doch bloß kapieren würdet, was die Stunde geschlagen hat! Aber irgendwie schafft ihr es nicht, die Zeichen der Zeit zu lesen! (nach Lukas 19, 41 - 44)
Die Menschen, zu denen Jesus damals sprach, dachten, sie wären auf dem richtigen Weg. Sie waren überzeugt, sie hätten Recht. Deshalb wollten sie ihre Vorstellungen auf jeden Fall durchdrücken. Zur Not gegen alle Widerstände. Und sie merkten gar nicht, wie sehr sie daneben lagen. Aber ich denke, dass wir Menschen seitdem nicht viel einsichtiger geworden sind. Selbst als Erwachsene bestehen wir oft auf unserer Meinung. Auch gegen Widerstände und gegen bessere Argumente.
Da sind die Worte Jesu eine gute Hilfe, den eigenen Weg, die eigene Haltung ab und zu in Frage zu stellen. Denn Jesus wollte, dass nicht nur das Leben Einzelner, sondern das Leben aller zu seinem Recht kommt. Und unter dieser Maßgabe zu gucken: Wohin führt eigentlich der Weg, den ich gehen will? Was sind die Konsequenzen meiner Haltung? Und zwar nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen, auch für die Gesellschaft, in der ich lebe? Das bewahrt vielleicht nicht vor allen Irrtümern. Aber die Gefahr, in der eigenen Meinung gefangen zu bleiben, ist erheblich geringer.
"Kleine Bären und andere Irrtürmer"
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