Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.11.09, 10.00 Uhr, Superintendent Dr. Eberhard Kenntner

„Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.Liebe Schwestern und Brüder!

Der heutige Predigttext mag manchem vorkommen wie ein Drohwort: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Welcher normale Christ könnte das von sich behaupten, vollkommen zu sein wie Gott? Haben wir nicht Mühe, unser Christsein im Alltag wenigstens in Ansätzen zu bewähren? Von Vollkommenheit wie unser Vater im Himmel vollkommen ist sind wir wohl alle ziemlich weit entfernt.

Mehr noch, ist uns das Sein-Wollen-wie-Gott nicht auf den ersten Seiten der Bibel als große Menschheitsversuchung ausdrücklich untersagt? Verhieß nicht die Schlange der Versuchung Adam und Eva, sie würden sein wie Gott, wenn sie Gottes Willen nicht folgen? Was denn nun: Sollen wir sein wollen wie Gott oder sollen wir es nicht?
 
Ein fragwürdiger Predigttext also. Besonders, wenn wir bedenken, dass heute an Allerheiligen die katholischen Christen derer gedenken, die der Vollkommenheit des Glaubens wohl sehr nahe gekommen sind, während gleichzeitig in vielen evangelischen Gemeinden des gestrigen Reformationsfestes gedacht wird. Damit auch des Mönches Martin Luther, der sich jahrelang im Augustinerkloster in Erfurt bemühte, vollkommen zu sein, wie auch unser Vater im Himmel vollkommen ist. Der sich quälte auf der Suche nach dem gnädigen Gott, der fastete nach allen Regeln der mönchischen Tradition und doch an seiner Unvollkommenheit zu zerbrechen drohte, bis ihm die befreiende Erkenntnis geschenkt wurde, dass alles ganz anders ist:

Nicht wir müssen uns vor Gott in einen Zustand der Vollkommenheit versetzen, damit Gott uns als seine Kinder annimmt, sondern Gott schenkt uns diese Annahme allein aus Gnaden. Er schafft die Voraussetzungen, dass wir Kinder unseres himmlischen Vaters sind. Kinder, die in einen Raum der Freiheit gesetzt sind und denen kein neues Gesetz auferlegt wird.

Was aber soll dann unser Predigttext mit seinem Aufruf zur Vollkommenheit? Widerspricht die Grunderkenntnis der Reformation dem biblischen Befund, widerspricht die Bergpredigt im Matthäusevangelium gar anderen Aussagen der Bibel?

Antwort auf solche Fragen finden wir, wenn wir uns klar machen, aus welchem Anlass Jesus diesen  Aufruf an uns richtete. Es ging um den Rechts-Alltag im Gottesvolk Israel. „Ihr habt gehört, dass gesagt ist“. Zwei Gedankengänge von der Vergeltung und von der Feindesliebe entfaltet Jesu Forderung nach himmlischer Vollkommenheit.

Jesus beginnt mit der Erinnerung an den bekannten Rechtssatz: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Dies ist keine gnadenlose Forderung nach Vergeltung. Die Vorschrift „Auge um Auge“ war seinerzeit ein riesengroßer Fortschritt im Rechtswesen; der Maßlosigkeit menschlicher Rachsucht wurden hier Grenzen gesetzt. Die Vergeltung durfte nicht größer sein als der angerichtete Schaden. Ein mäßigender Grundsatz also.

Doch Jesus hebelt ihn aus. Souverän stellt er sich über das alte Gesetz. Für Menschen, die ihm nachfolgen wollen, für uns Christen also soll anderes gelten: Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete auch die andere dar. 

Das Erdulden von Unrecht stellt Jesus über die Vergeltung. Einem Menschen, der uns übel mitspielt, sollen wir mit einer Güte begegnen, die einfach niemand erwarten würde. Solche Güte, solches „dem Bösen nicht widerstreben“, wäre kein Zeichen von Schwäche, sondern Zeichen einer ungeheuren Stärke, die aus einem tiefen Gottvertrauen sich speist.

Und genau darum geht es hier: Jedem eigenen Berechnen und durch juristisches Abwägen das Leben sichern wollen setzt Jesus in der Bergpredigt ein Verhalten entgegen, das sich selber ganz und gar loslassen kann und sich allein in Gottes Hände gibt.

Das macht auch das nächste Beispiel deutlich, das die Situation eines Pfändungsprozesses zum Hintergrund hat: Es gab zur Zeit Jesu die Vorschrift, dass man zahlungsunfähigen Menschen zwar den Leibrock nehmen durfte, den Mantel aber wegen der Nachtkälte abends zurückgeben musste. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Da ist es wieder: Ihr Christen, die ihr Jesus nachfolgen wollt, braucht euer Leben nicht selbst zu sichern. Sogar von eurem Schutz, der Wärme und Geborgenheit gibt, könnt ihr euch trennen – denn: Gott sorgt für euch.

Und so geht es weiter: Zwei Meilen statt einer Meile mitgehen:, Für die römische Besatzungsmacht mussten Boten- und Wegedienste geleistet werden. Auch hier, sagt Jesus, soll nicht das Nachrechnen dessen, was gefordert ist, bestimmend sein, sondern die Bereitschaft, seine Möglichkeiten dem anderen mehr als gefordert zur Verfügung zu stellen. Auch einem Feind. 

So, liebe Schwestern und Brüder, kann nur jemand leben, der sich ganz und gar der Fürsorge des himmlischen Vaters anvertraut hat; der darum die Sorge um sich selbst ganz loslassen kann.

Und eben das ist für den Evangelisten Matthäus der rote Faden der Bergpredigt Jesu: Gottes Sorge um uns, die sichtbar geworden ist in der Menschwerdung Jesu. Da hat Gott seine Gottheit aufgegeben, um als unser Bruder an unserer Seite zu sein, uns zu begleiten auch durch die dunklen Täler unseres Lebens und uns deutlich zu machen, dass wir uns als Kinder unseres Vaters im Himmel ganz auf seine liebende Fürsorge verlassen können.

Jesu eigener Weg von der Krippe zu Kreuz und  Auferstehung hilft, seine Worte in der Bergpredigt recht zu verstehen: Vor allen Forderungen an uns steht das Verhalten Jesu uns Menschen gegenüber steht. Er hat seinen Peinigern noch die andere Backe hingehalten, als er geschlagen wurde. Um Jesu Rock haben die Kriegsknechte unter dem Kreuz gewürfelt. Jesus ist unsere irdischen Wege mitgegangen, nicht nur eine Meile, sondern bis zum Tod am Kreuz. Und er hat noch gebetet für die, die ihn kreuzigten.

Die wichtigsten Stationen der Passionsgeschichte also scheinen hier durch die harten Forderungen unseres Predigttextes hindurch, und ihre Botschaft lautet: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.“ Jesu Verhalten, das die Bergpredigt benennt, ist nur aus der Liebe Gottes zu uns Menschen zu erklären. Im Ertragen von Bösem, im Verzichten auf Rechtsstreit, in der Liebe selbst zum Feind kommt Gottes Liebe zum Tragen.

„Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ das ist also absolut kein Drohwort. Denn das entscheidende Wort heißt: WIE. Zuallererst werden wir daran erinnert, wie Gott mit uns Menschen umgeht; dass er nicht kleinlich nachrechnet, wenn es um Vergebung geht; dass er hört, wenn wir ihn bitten; dass er mit uns unterwegs ist, ohne dass es ihm zuviel wird.

Die himmlische Vollkommenheit, die Jesus von uns fordert, ist nicht die höchste Stufe einer Tugendlehre, sondern das mit allen Sinnen und ganzem Gemüt vollkommen Sich Durchdringen lassen von der Liebe Gottes. Das ist es, was viele „Heilige“ aller Konfessionen uns vorgelebt haben; solche Vollkommenheit ist nicht Leistung, sondern Geschenk!

Zwischenmusik Orgel „Gavotte“

Die Forderung der Bergpredigt: Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist, liebe Gemeinde, bedeutet nichts anderes als: lass dich einladen, Gottes vollkommene Liebe und Fürsorge für dich und dein Leben anzunehmen,.So verstanden werden die anfangs so drohend erscheinenden Weisungen unseres Textes zu einladenden Wegweisern in die Freiheit der Kinder Gottes. Wir alle dürfen sein, was wir von Gott her längst sind, wir können verschenken und vergeben, wir können teilen und loslassen, weil wir aus Gottes unfassbarer Liebe leben. Diese Zusage Gottes haben wir alle mit unserer Taufe empfangen.

Diese Zusage unseres Vaters im Himmel soll nun auch das Maß sein für unser Verhalten untereinander und auch Fremden und sogar unseren Feinden gegenüber. Gottes Zuspruch und sein Anspruch auf unser Leben, das sind die zwei Seiten der gleichen Medaille.

Daran erinnert Jesus in der Bergpredigt. Sie enthält also keinen unerfüllbaren Forderungskatalog, der uns und unseren oft so kleinen Glauben in die Knie zwingt. Es geht einfach darum, dass wir als Beschenkte weiterschenken, was uns zuteil wurde; dass wir als begnadete Sünder anderen so begegnen, wie unser Vater im Himmel uns begegnet; dass wir die Liebe als Maß unseres Tuns über alles stellen, weil unser Vater im Himmel das bei uns auch tut, alle Morgen neu, ohne jedes Sortieren in „vollkommen“ und „unvollkommen“.

Daran erinnert der Schluss unseres Predigttextes. Zur unbedingten Liebe Gottes, die uns in Jesus begegnet, gehört, dass er keinen Unterschied macht zwischen Menschen, die seiner Liebe würdig sind und solchen, bei denen das nicht der Fall wäre. Die Bilder der Sonne, die über Gute und Böse scheint, und des Regens, der über Gerechte und Ungerechte fällt, zeigen es an: Von Gottes vollkommener Liebe wird niemand ausgeschlossen, wie schlecht oder unvollkommen er sich auch fühlt.

So bruchstückhaft uns unser Glaube vorkommen mag, wir dürfen uns um Gottes Willen als Heilige verstehen und immer wieder versuchen, in unserer Liebe vollkommen zu sein WIE unser Vater im Himmel ist. Also: durchdrungen von Gottes Liebe in Familie, Freundschaft und Nachbarschaft Vergebung und Frieden auszubreiten und so Zeichen der Güte und der Liebe zu setzen in unserer friedlosen, rachsüchtigen und kleinlich nachrechnenden Welt.

„Heilige, das sind die Sünder, die sich immer wieder von neuem bemühen.“ An diesem Satz von  Stevenson  ist also in der Tat was dran, und in solchem Bemühen sind wir dann ganz nah an dem, was Jesu Bergpredigt von uns fordert: vollkommen zu sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist, indem wir immer wieder versuchen, in der Freiheit der Kinder Gottes anderen auch die rechte Backe hinzuhalten, ihnen nicht nur das Hemd, sondern auch den Rock zu lassen und gerne zwei statt einer Meile mitzugehen. Die Kraft zu solchem Tun schenkt uns die vollkommene Liebe unseres Vaters im Himmel täglich neu!  Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 15.11.2009 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Martinigemeinde in Siegen übertragen. Die Predigt hält Superintendentin Annette Kurschus.

 


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen