Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.10.09, Pfarrerin Kerstin Hanke

Die Engel sollen sich freuen und die Teufel weinen

Musik: Studenten dantz; Interpreten: Kristian Buhl-Mortensen & Ulrik Cold; Album: Peter Fabricius' Lutebook, 2007 Danacord

Autorin: Mönch und Choraldichter. Volksheld und Aufrührer. Machtmensch und  liebevoller Ehemann. Schon die Zeitgenossen Martin Luthers waren gleichermaßen zwiegespalten wie fasziniert von diesem Bergmannssohn. Doktor der Heiligen Schrift -  so hat sich Martin Luther am liebsten genannt. Doch durch die päpstliche Bannbulle vom Januar 1521 und die Erklärung der Reichsacht wurden ihm alle seine akademischen Titel offiziell aberkannt.  Gestört hat es ihn wohl wenig, denn lehrte in Wittenberg weiter als Hochschullehrer.

Vielversprechend hatte Luthers Hochschulkarriere angefangen. 1501 beginnt der junge Martinus in Erfurt das Jurastudium. Vier Jahre später ist er schon Magister. Da gerät er in ein heftiges Sommergewitter.  Der Student in Todesangst gelobt ins Kloster zu gehen.
 
Musik: Titel: Templiers
Interpret: Ensemble Organum
Album: Le chant des templiers, 2006

Autorin: Angstzustände – mit denen wird er Zeit seines Lebens immer wieder zu kämpfen haben. Ängste,  die ihn so umwerfen, dass er sie nur mit Tod und Hölle beschreiben kann. Sie überfallen in der Natur und im Studierzimmer. Es werden nicht immer dieselben sein. Das Klosterversprechen hält er. Er geht in das  Augustiner Eremitenkloster, wirft sich auf die Theologie und wird mit 28 Jahren promoviert. Um seinen Seelenfrieden ringt der junge Professor. Wie finde ich einen gnädigen Gott – wird zu Kernfrage seines Grübelns. Immer wieder kaut er einen Satz aus dem Brief des Paulus an die Römer. Bis der ihm zur „ Pforte des Paradieses“ wird, wie Luther es später beschreibt.

Luthersprecher: „Denn ich gedachte, Gerechtigkeit wäre  der grimmige Zorn Gottes, damit er die Sünde straft. Ich war dem Paulus von Herzen feind, wenn ich las, dass die Gerechtigkeit Gottes durch das Evangelium offenbaret wird.“....“aber als ich  den rechten Unterschied fand, dass nämlich Gesetz und Evangelium zweierlei Dingen seien, da riß ich durch.“

Autorin: Geschenkte Gnade - das ist sein Paradiesmoment  – sie reißt ihn weg von der Angst vor höllischen Kochtöpfen, in denen die Sünder geschmort werden, von der angestrengte Suche nach guten Taten, von den kalkulierte Ablösesumme durch Ablasszettel, von der Angst vor einem strafenden, zürnenden Gott.

Die Erkenntnis, dass wir nur durch Gnade gerettet sind, sie wird Luther in kirchenpolitische Konflikte stürzen. Denn er beginnt sich gegen die Ablasshändler zu wenden. Diskussionsfreudig und streitlustig bezieht er in der akademischen Welt Stellung. 95 Thesen formuliert er. Daran erinnert der heutige Reformationstag. Die Reformationsbewegung nimmt so ihren Anfang.  Es folgen Predigten, Flugblätter, Reden, Bibelübersetzungen, die dank des neu erfundenen Buchdrucks viele erreichen.  Seine zahlreichen Schriften zeigen einen sprachgewaltigen, ungestüm polternden wie einfühlsamen Menschen. Sie runden ein Bild ab, das ein Zeitgenosse so zeichnet.

Sprecher: „Ein fein klar und tapfer Gesicht und Falkenaugen hatte er und war von Gliedmassen eine schöne Person. Er hatte auch eine helle feine reine Stimme, beides zu singen und zu reden, war nicht ein großer Schreier.“

Autorin: So weit – so gut. Aber was war das für ein Mann, den die einen so hassten und die anderen verehrten? Schauen wir auf den privaten Luther, der auch hier die Risse seiner Erkenntnis lebte, der aber seinen festen Grund im Glauben immer wieder findet.

Musik:
Titel: Eine feste Burg
Interpreten: Kristian Buhl-Mortensen & Ulrik Cold
Album: Peter Fabricius' Lutebook, 2007 Danacord

Autorin: Im Leben kommt es oft anders als man es sich je vorgestellt hat. Eine Erfahrung, die auch der Doktor Luther macht. Er  hängt die Mönchskutte an den Nagel und schlüpft bei dem sächsischen Kurfürsten unter, da braut sich ein neuer Skandal zusammen.

Luthersprecher: „Wenn mir jemand auf dem Wormser Reichstag gesagt hätte, nach sieben Jahren würde ich Ehemann sein, der Frau und Kinder habe, so hätte ich ihn ausgelacht.“

Autorin: Im Jahre 1525 heiratet der 42jährige  die 16 Jahre jünger Katharina von Bora. Mein Herr Käthe, wie er sie später gerne anredet. Katharina von Bora ist eine ehemalige Nonne. Geflohen ist sie in einem Heringsfass aus dem Kloster. Für den Fluchtplan war auch Luther mitverantwortlich. Längst kann Katharina die im Kloster abgeschnittenen blonden Haare wieder zu Zöpfen flechten, da ist ihre Zukunft noch immer ungewiss. Heiratspläne werden durchkreuzt. Die entflohene, mittellose Frau gilt als schlechte Partie. Luther, unter dessen Schutz sie steht, muss sich Sorgen machen. Aber Katharina ist auch selbstbewusst genug, eine Hochzeit mit ihm als Lösung ins Auge zu fassen.

Ein heikler Punkt. Für die Ehe hat sich Luther schon lange stark gemacht. Doch er hatte da vor allem die anderen im Sinne. Der Mensch ist zum Leben in Beziehungen gedacht und von Gott zur Ehe bestimmt, so liest er es in seiner Bibel:  

Sprecher: (Sprüche. 18,22) „Wer ein Weib findet, findet was Guts und wird ein Wohlgefallen von Gott erschöpfen.“

Autorin:
Besonders eifrig riet Luther  seinen Amtskollegen zur Heirat und brach damit bewusst mit den Konventionen. Der Seelsorger und zölibatär lebende Mann kannte die Macht der Sexualität und spricht sie freimütig aus.  Er selber sei nicht aus Holz und Stein.

Es war üblich, dass geistliche Hochschullehrer  nicht heirateten.   Mediziner und Juristen hatten Familien. Aber die geistlichen Lehrer sahen die Ehe als Erniedrigung ihres Standes.  Für Luther ein Unding. Er drängt immer wieder darauf, dass im Christentum der geistliche Stand eben nichts Besonderes ist. Alle die aus der Taufe gekrochen sind, wären Bischöfe und Pfarrer. Umgekehrt heißt das, auch die Geistlichen sind nicht anderes als Christenmenschen. Sie haben die gleichen Bedürfnisse und Nöte.

Für sich schließt er aber eine Heirat lange Zeit aus.  Als er während der Bauernkriege zunächst beschwichtigend durchs Land reist und versucht die Sache der Reformation im Schwung zu halten, sieht er sich  immer stärker der Häme seiner Gegner ausgesetzt, die spotten:

Sprecher: Wenn dieser Mensch ein Weib nähme, so würde die ganze Welt und der Teufels selber lachen und er all sein Sach damit verderben.

Autorin: Der Stachel sitzt. Jetzt erst recht. Der Vater drängt schon lange den Sohn. Viele Reformatoren sind Ehemänner. Luther fasst einen Entschluss: die Wahl der Stunde ist Katharina von Bora.

Luthersprecher: „Kann ich´s schicken, so will ich dem Teufel zum Trotz noch heiraten, und die Engel sollen sich freuen und der Teufel weinen.“

Autorin: Viele Freunde sind schockiert. Die Gegner klopfen die Schenkel. Ein ehemaliger Mönch und eine ehemalige Nonne. Aus dieser Verbindung kann nur ein Wechselbalg entspringen.  Trotz aller Anfechtungen reifte diese Ehe, die nicht aus Herzklopfen entsprang, durch den  liebevollen Humor der beiden Partner. Schönheit war nicht der magische Anziehungspunkt, wie es ein Reim Luther durchscheinen lässt:

Luthersprecher: Ist der Apfel rosenrot,
Ist ein Würmlein drinnen,
Ist das Maidlein säuberlich,
So hat´s krause Sinnen.

Autorin: Katharina von Bora hat keine krausen Sinne, sondern einen wachen Verstand und eine geschickte Hand. Sie regierte den Haushalt, der eher an einen Hotelbetrieb anmutete.  Gäste kamen und blieben Wochen und Monate. Schüler, Studenten, vertriebene Prediger, entflohene Mönche und Ordensfrauen bevölkerten das „Schwarze Kloster“.  An der Tafel saßen täglich etwa 40 Leute.  Katharina pflegte den Garten, hielt Pferde und Schweine, sorgte auch für den Weinkeller, erweiterte die Wirtschaftszweige.  In seinen Briefen findet Luther immer wieder innige Anreden:

Luthersprecher: ,,Meiner Herzleiden Hausfrau", ,,Meinem freundlichen, lieben Herrn Katharina", ,,Meiner gnädigen Jungfer Katharin Lutherin von Bora und Zülsdorf zu Wittenberg, mein Liebchen". „Meiner freundlichen lieben Hausfrau Katharina Luther von Bora, Predigerin, Brauerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann.“

Musik:
Titel: Ich singe dir mit Herz und Mund
Interpret: Jochen Rieger
Album: Choräle beflügeln, LC 13743

Autorin: Die Ehe ist ein äußerlich weltlich Ding, sagt Luther fünf Jahre nach seiner Hochzeit. Ein äußerlich Ding, wie Kleider und Speise, Haus und Hof weltlicher Obrigkeit unterworfen. Das brach mit dem Eheverständnis seiner Zeit, denn die Ehe galt keineswegs als „weltlich“.  

Für Luther war klar: Die gegenseitige Anziehung von Mann und Frau sind Gottes Werk. Dies Werk findet seine Form in Stand der Ehe. Die Form bestimmt also  den Inhalt! Die Ehe ist die Lebensform, in der Partner zueinander finden. Das unterscheidet sich gewaltig von der heutigen Ansicht, dass erst die Liebenden einander finden und dann eine Ehe wagen.  Luther setzt dagegen: eine Ehe gelingt, im Vertrauen auf den Segen, der auf dieser Form liegt.

Luthersprecher: „.. denn sofern die Lieb und Lust da ist, das ist, sofern der Heilige Geist da ist“

Autorin:Dabei blendet er nicht die Krisen und Engpässe im Zusammenleben aus. Wir müssen keine perfekten Partner füreinander sein, können es wahrscheinlich auch nicht sein. All unser ausreichend gutes und vielleicht nur vergebliches Tun, ist geheiligt durch den Glauben, dass dies Tun gesegnet ist.

Luthersprecher: "Lass Deine Frau nun sein, wie sie will: Wie reich, wie schön, wie freundlich sie auch sein mag. Du wirst genug zu schaffen haben, dass Du solche Liebe und Freundschaft bewahrst. Denn es steht nicht in Deiner Hand. Dazu hast Du einen starken Feind, welcher heißt: der Teufel, der von Herzen gerne sieht, dass man im Hause knurrt und murrt, Stühle, Bänke und Tische umwirft, mit der Frau die Stube kehrt oder ihr eine Ohrfeige gibt. ,,,, Da lacht er sich ins Fäustchen. .... Ebenso wird Dich auch Deine Frau nicht immer so lieb haben, dass ihr nicht neben Dir noch ein anderer besser gefallen wird. Aber das behauptet doch bestimmt niemand, dass es in der Ehe ganz ohne Sünde abgeht. Sage mir nur einen Stand, in dem es ohne Sünde abgeht! ... Wenn Du aber mit Gottes Wort gerüstet .. bist,.... Dann wird Dir der Heilige Geist Gottes Wort gemäß sagen: Diese Frau ist Dir gegeben, diese und keine andere sollst Du zur Frau haben. Ebenso wird auch die Frau sagen: Dieser Mann ist mein. Diesen allein will ich ansehen und auf keinen anderen hören.“

Autorin: In unserer Zeit, in der so viele Ehen scheitern,  lacht sich der Teufel wohl oft genug ins Fäustchen. Bis dass der Tod uns scheidet? Diesen Satz nimmt Luther ernst. Aber auch wenn er die Ehe für unauflöslich ansieht, so akzeptiert er doch Scheidungsgründe. Ehebruch, Impotenz und auch verweigerte Sexualität führt er hier an.

Die Ehe ist ein weltlich Ding. Für viele beginnt hier die Veränderung der Ehevorstellungen, die zu der Emanzipation des Ehe- und Scheidungsrecht aus dem Bereich der Kirche führte. Besonders Frauen erlebten es als Befreiung sich aus einer Beziehung lösen zu können.  Was kann uns heute ein Rückblick auf Luther helfen? Ist er noch auf der Höhe der Zeit? Geheiratet wird aus Liebe. Geschieden wird aus enttäuschter Liebe.

Gerade deshalb brauchen Menschen den Segen ihrer Partnerschaft mehr denn je. Gerade deshalb brauchen sie die Gewissheit, dass das Fundament ihrer Liebe nicht in ihrer gegenseitigen Anziehungskraft liegt, sondern dass Gott ihnen einen Raum öffnet, in der sie Liebe leben lernen. Dieses Fundament ist ein kostbares Geschenk. Treffend auf den Punkt bringt das Luther, wenn er seinen jüngsten Sohn herzt:

Luthersprecher: „Wie hast du es verdient oder warum soll ich dich so lieb haben, dass ich dich zum Erben mache [...]? Mit Scheißen, Pinkeln, Weinen? Mit Schreien? Mit dem du das ganze Haus erfüllst und meine Fürsorge forderst?“ – „Ach, unser Herr Gott muss gar viel größeren Gestank erleiden von den Menschen als Väter und Mütter von ihren Kindern.“

Musik:
Titel: Jesu meine Freude
Interpret: Jochen Rieger
Album: Choräle beflügeln, LC 13743

Autorin: Für Martin Luther war "Das Gebet ein Reden des Herzens mit Gott, in Bitte und Fürbitte, in Dank und Anbetung.An guten wie an bösen Tagen dürfen wir im Namen Jesu zu ihm kommen.

Für jeden Abend empfiehlt Luther  den Abendsegen zu sprechen:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, daß du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast, und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich Unrecht getan habe, und mich diese Nacht auch gnädiglich behüten. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde.

Musik:
Titel: Naa Lukker seg mitt oye
Interpret: Elin Smith
Album: Mews too. An Asthmatic Kitty

Autorin: Das war die Geistliche Sendung zum  Reformationstag. Sie hörten einen Beitrag der evangelischen Kirche. Es verabschiedet sich Kerstin Hanke

Musik:
Titel: Schönster Herr Jesu
Interpret: Jochen Rieger
Album: Choräle beflügeln, LC 13743

Audiobeitrag Die Engel sollen sich freuen und die Teufel weinen


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