Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.10.09, Pfarrerin Kerstin Hanke – Andacht zum Reformationstag

Die Pforte des Paradieses

Mönch und Choraldichter. Volksheld und Aufrührer. Machtmensch und liebevoller Ehemann. Schon die Zeitgenossen Martin Luthers waren gleichermaßen zwiegespalten

wie fasziniert von diesem Bergmannssohn.

Doktor der Heiligen Schrift -  so hat sich Martin Luther am liebsten genannt. Doch durch die päpstliche Bannbulle vom Januar 1521 und die Erklärung der Reichsacht wurden ihm alle seine akademischen Titel offiziell aberkannt.  Gestört hat es ihn wohl wenig, denn lehrte in Wittenberg weiter als Hochschullehrer.

Viel versprechend hatte Luthers Hochschulkarriere angefangen. 1501 beginnt der junge Martinus in Erfurt das Jurastudium. Vier Jahre später ist er schon Magister. Da gerät er in ein heftiges Sommergewitter.  Bei Stotterheim gelobt der Student in Todesangst ins Kloster zu gehen.

Angstzustände – mit denen wird er Zeit seines Lebens immer wieder zu kämpfen haben. Ängste,  die ihn so umwerfen, dass er sie nur mit Tod und Hölle zu beschreiben. Sie überfallen ihn in der Natur und im Studierzimmer. Es werden nicht immer dieselben sein. Das Versprechen der Gewitternacht hält er. Er geht ins Kloster, wirft sich auf die Theologie und wird mit 28 Jahren promoviert. Um seinen Seelenfrieden ringt der junge Professor. Wie finde ich einen gnädigen Gott – wird zu Kernfrage seines Grübelns. Immer wieder kaut er einen Satz aus dem Brief des Paulus an die Römer. Bis der ihm zur „ Pforte des Paradieses“ wird, wie Luther es später beschreibt.

Lutherzitatsprecher: „Denn ich gedachte, Gerechtigkeit wäre  der grimmige Zorn Gottes, damit er die Sünde straft. Ich war dem Paulus von Herzen feind, wenn ich las, dass die Gerechtigkeit Gottes durch das Evangelium offenbaret wird.“....“aber als ich  den rechten Unterschied fand, dass nämlich Gesetz und Evangelium zweierlei Dingen seien, da riß ich durch."

Geschenkte Gnade - das ist sein Paradiesmoment  – sie reißt ihn weg von der Angst vor höllischen Kochtöpfen, in  der die Sünder schmoren von der angestrengten Suche nach guten Taten, von den kalkulierten Ablösesummen durch Ablasszettel, von der Angst vor einem strafenden, zürnenden Gott.

Die Erkenntnis, dass wir nur durch Gnade gerettet sind, sie wird den jungen Luther in kirchenpolitische Konflikte stürzen. Denn er beginnt sich gegen die Ablasshändler zu wenden. Diskussionsfreudig und streitlustig bezieht er in der akademischen Welt Stellung. 95 Thesen verschickt er. Daran erinnert der heutige Reformationstag. Die Reformationsbewegung nimmt so ihren Anfang.  Es folgen Predigten, Flugblätter, Sermone, Bibelübersetzungen, die dank der neuerfundenen Buchdrucks viele erreichen.  In ihnen drückt sich Luther Lebenshaltung aus, die aus  sich aus Gottvertrauen speist und die jeden Christen frei macht.

Wie finde ich einen gnädigen Gott? Unsere Frage lautet heutzutage eher: Wie kann mein Leben gelingen? Was gibt mir Sinn und Erfüllung? Denn wir erleben immer wieder, dass wir an Grenzen stoßen. Grenzen unserer Belastbarkeit, unserer Gesundheit, unserer Ansprüche.  Und da tut es ganz gut sich an Luther zu erinnern, der uns ermutigt: Wir sind frei unser Leben zu leben.  Mit seinen Erfolgen und seinen Krisen. Denn sie entscheiden nicht über den Wert und Würde des Lebens. Darüber hat der liebende Gott entschieden. Er macht unser Leben einzigartig und wertvoll.

Audiobeitrag Die Pforte des Paradieses


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