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Sehen lernen
Autor: Mein Herz klopft. Was wird mich hinter dieser Tür erwarten? Ich atme tief durch. Versuche, alles hinter mir zu lassen, was mich gerade noch beschäftigt hat.
Denn ich will mich ganz auf den Menschen einstellen, den ich jetzt besuche: Herrn Buchholz. Er hat Krebs. Ein Lungenkarzinom. Das ist alles, was ich weiß. Seinen Namen habe ich für diese Sendung geändert.
Mein Name ist Titus Reinmuth, ich arbeite als Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde in der kleinen Stadt Wassenberg am Niederrhein und leite dort einen ambulanten Hospizdienst. Guten Morgen, liebe Hörinnen und Hörer.
Es ist ein sonniger Herbsttag. Ich habe keine Ahnung, wie ich Herrn Buchholz antreffen werde. In diesen Sekunden vor der Haustür wächst mein Respekt vor den Hospizhelferinnen und Hospiz-helfern enorm, die immer wieder genau das tun: einen schwer kranken Menschen besuchen, der aufs Sterben zugeht. Diesmal bin ich selbst gefragt worden. Auch die Ehrenamtlichen sind geschult, sind vorbereitet. Aber das Herzklopfen ist immer das gleiche. Jedesmal, wenn eine Begleitung beginnt.
Ich drücke auf die Klingel, höre Schritte. Frau Buchholz öffnet die Tür und bittet mich herein. Alles wirkt freundlich, höflich, einladend. Auf dem Tisch stehen Kekse und Kaffee. Herr Buchholz kommt auf mich zu, gibt mir die Hand. Ein großer, kräftiger Mann, Mitte 50. Ich sehe ihm nicht an, dass er krank ist. Dieser Mann hat Krebs? Ist unheilbar krank? Absehbar sterbend, wie die Ärzte sagen? Ich sehe es nicht. Wir kommen ins Gespräch. Herr Buchholz erzählt, wie es um ihn steht. Die Diagnose vor einem halben Jahr, die Therapie, die Nebenwirkungen. Im Moment sehe es ganz gut aus, so sagt er. Es gebe Hoffnung. Er müsse nur noch etwas zu Kräften kommen, dann wolle er unbedingt zurück in seine Firma. Seine Frau schaut zu mir herüber, als wolle sie mir irgendetwas sagen. Die beiden berichten offen, wie sehr sie gezögert haben, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber es gibt jetzt so viele Fragen, Ängste, Gefühle. Wir brauchen einfach mal jemanden, mit dem wir reden können, und der nicht Familie ist und nicht aus dem Freundeskreis, so sagt es seine Frau. Wir verabreden, dass ich einmal in der Woche komme und in der Regel mit Herrn Buchholz alleine rede. Nach einer Stunde bringt mich Frau Buchholz zur Tür. Draußen sagt sie mir noch, ihr Mann sehe immer noch nicht ein, wie es wirklich um ihn steht.
Musik: Melody Gardot, worrisome heart
Autor: Der ökumenische ambulante Hospizdienst Regenbogen hat im zurückliegenden Jahr 65 Menschen begleitet. Wenn ein Mensch unheilbar krank ist, brechen viele Fragen auf. Wofür muss jetzt gesorgt werden, wer hört zu, wenn Ängste zur Sprache kommen, wer ist da, wenn Schmerzen zu schaffen machen? Fast 40 geschulte Ehrenamtliche sind im Einsatz, um Menschen zu besuchen, Gespräche zu führen, zuzuhören, oder einfach nur da zu sein. Manche Angehörigen melden sich erst, wenn alle erschöpft sind und nicht mehr können. Dann kommt es vielleicht noch zu zwei oder drei Begegnungen, intensiven Gesprächen am Lebensende, die etwas lösen. Eine große Hilfe. Andere suchen den Kontakt schon viel früher und nehmen die Begleitung und Beratung durch Regenbogen über einige Monate in Anspruch.
O-Ton: Dann ist der Ehrenamtler schon wie ein Freund des Hauses, der dann kommt, und da hat man Vertrauen. Da fragt man auch Dinge, die man vielleicht bei einem Familienmitglied nicht so stellt und weiß, dass der Ehrenamtler unter einem geschützten Raum auch diese Dinge nicht nach außen bringt und einfach, ja, für denjenigen signalisiert: Ich bin jetzt hier und ganz für dich da, nehm meine eigenen persönlichen Dinge zurück und schenke dir meine Zeit.
Autor: So schildert Susanne Hoeren, die hauptamtliche Koordinatorin bei Regenbogen, den Einsatz der Helferinnen und Helfer. Die Hospizbewegung möchte erreichen, dass Menschen bis zuletzt in Würde leben können. Also möglichst zuhause in der vertrauten Umgebung, möglichst ohne Schmerzen, möglichst begleitet und nicht allein. Nichts davon ist selbstverständlich. Unsere Gesell-schaft hat weitgehend verlernt, den Tod als Teil des Lebens anzunehmen.
O-Ton: Früher wurde ja auch zuhause gestorben, das versucht man ja jetzt wieder mit in die Gesellschaft zu integrieren und wenn es möglich ist, es zuhause auch mit allen Hilfen hinzubekommen. Es ist eigentlich eine sehr reiche und wertvolle Erfahrung. Es ist wohl in vielen Fällen so, dass eine große Angst mit in diese Begleitungen reinspielt. Dass der Angehörige einfach auch ermutigt werden möchte, dass er das Richtige tut, dass er auch mit der Hilfe des Ehrenamtlichen jederzeit zählen kann. Dass man unterstützt. Dass man nicht alleine ist in dieser Situation. Das reflektieren uns die Angehörigen immer wieder, dass das eine gute Zeit war.
Musik: Heinz Rudolf Kunze, Immer für dich da
Autor: Was willst Du, dass ich für Dich tun soll? so fragt Jesus von Nazareth einen blinden Bettler am Wegesrand. Die Geschichte von Bartimäus erzählt, wie Zuwendung gelingt. Allein diese Frage fasziniert mich. Sie beschreibt genau die Haltung, mit der die Hospizhelfer anderen begegnen wollen. Was brauchst Du? Was willst Du, dass ich für Dich tun soll?
Die Sache mit Bartimäus spielt etwas außerhalb von Jericho. Jesus ist mit seinen Leuten unterwegs, eine große Menge zieht mit ihm. Am Wegesrand sitzt Bartimäus. Als er hört, dass es Jesus ist, der da vorbeikommt, macht er sich bemerkbar. Er ruft um Hilfe: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus hört ihn und bleibt stehen. Er erkundigt sich in Ruhe bei Bartimäus. Er ist blind. Aber er ist auch Bettler. Wer weiß denn, was der Mann jetzt wünscht, wo er zuerst Heilung sucht? Drückt ihn eine Schuld, sucht er Vergebung und fragt deshalb nach Erbarmen? Hat er einfach Hunger und möchte einmal richtig satt werden? Jesus nimmt diesen Menschen wahr und erkundigt sich nach dem, was er braucht: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Und Bartimäus antwortet: dass ich sehend werde. Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen, sagt Jesus zu ihm. Jetzt kann er tatsächlich neu sehen. Eine heilsame Begegnung. Eine Begegnung, die hier nicht einfach endet. Bartimäus folgte ihm, so heißt es weiter. Sie gingen ihren Weg jetzt miteinander.
In der Begleitung Sterbender geschieht oft dieses Wunderbare, dass ein Mensch auf einmal sehen kann. Wahrnehmen und annehmen kann, was jetzt ist. Und Ja sagt zu diesem Weg, der jetzt vor ihm liegt. Manchmal hilft der Glaube dabei. Das Vertrauen darauf, dass Gott jetzt auch mitgeht. Dass ich nicht alles selber schaffen muss. Natürlich bleiben Sorgen, Fragen, manchmal Angst, manchmal Schmerzen. Aber es gibt jetzt Begleitung. Vielleicht durch eine erfahrene Hospizhelferin. Eine, die sich erkundigt; eine, die den Weg jetzt mitgeht, eine, die einfach da ist.
O-Ton: Wichtig ist immer, was wir versuchen zu vermitteln: Der zu Begleitende ist der Dirigent und wir gehen nur mit. Autor: So beschreibt es Susanne Liedtke-Joeris, eine Kursleiterin bei Regenbogen, die Ehrenamt-liche ausbildet. Denn nicht jede, nicht jeder kann einfach so Hospizhelfer werden.
O-Ton: Wir versuchen ... erst mal herauszufinden, was ist eigentlich die wahre, die echte Motivation, die dahinter steckt, warum will jemand das machen. Will er das womöglich, weil er so einen Trieb hat, immer hilfsbereit zu sein, immer für andere da zu sein oder welche echte Motivation steckt dahinter? Und aus dieser echten Motivation herauszufinden, wie kann er nun, wenn er wirklich am Krankenbett sitzt, wie muss oder sollte er sich da verhalten, nämlich dass er sich selber ein wenig zurücknimmt, dass er gut zuhören kann, dass er gut wahrnimmt, was ist jetzt gefragt. Ist jetzt Aktion gefragt oder ist einfach nur Stille gefragt.
Autor: Offenbar ist das die Herausforderung. Den andern wahrzunehmen. Genau hinzusehen, genau hinzuhören. Sich zu erkundigen: Was willst Du, dass ich für dich tun soll? Was im Alltag schon schwer genug ist, das wird in der Begleitung Sterbender zu einer besonderen Aufgabe.
O-Ton: Das ist für viele ganz, ganz anstrengend, weil sie da nicht so sicher sind, wie sie reagieren sollen. Und da dann oft einfach hinzunehmen, dass ich halt nicht reden kann und groß mich aus-drücken kann, sondern dass ich da dann auf mich selbst zurückgeworfen bin, auf ne Situation, wo ich wirklich einfach nur erspüren wirklich nur erspüren kann: Was möchte der andere? Und dass derjenige, den sie da halt zum ersten Mal besuchen, dass der einfach spürt, da ist ein Mensch, der ist mir zugetan und dieser Mensch ist jetzt in der Zeit, wo er hier ist, nur für mich da. Und das ist auch was, was wir versuchen immer zu vermitteln: In der Zeit, wo ich bei jemandem bin, bin ich ganz und gar, sind alle meinen Antennen ausgerichtet auf den anderen.
Autor: Herr Buchholz hat mit der Zeit sehen gelernt. Hat wahrgenommen und angenommen, wie es um ihn steht. Leicht war das nicht. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, wo er sich das eingestanden hat: Ich werde nicht mehr zu Kräften kommen, ich werde nicht mehr in meine Arbeit zurückkehren, die Zeit, die mir bleibt, werde ich anders füllen. Auch seine Frau und seine 16jährige Tochter haben gelernt, was das bedeutet, dass das Leben miteinander nun wirklich begrenzt ist. Sie haben sich erlaubt, dass sie traurig sein dürfen und manchmal wütend. Dann haben sie wieder er-fahren, wie wertvoll die gemeinsame Zeit ist, und haben sie gefüllt. Bewegte Monate waren es. Als ich an einem Mittwochnachmittag zu Besuch komme, fällt es Herrn Buchholz schwer, zu sprechen. Er liegt im Pflegebett, ein Tropf versorgt ihn mit Flüssigkeit. Immer wieder braucht er eine Pause. Längst kann er sehen. Aber immer noch gibt es Fragen, die ihn bewegen. Als ich mich ver-abschiede, möchte er unbedingt aufstehen. Er schafft es sogar. Der Tropf hängt an einem Ständer, daran hält er sich fest. Er selbst öffnet die Tür, wir verabschieden uns noch einmal, und er winkt mir lange hinterher. Einen erfüllten Sonntag wünscht Ihnen Titus Reinmuth aus der Evangelischen Kirchengemeinde Wassenberg.
Musik: Silbermond, Ich bereue nichts
Musik: Melody Gardot: Worrisome heart, CD: Worrisome heart, ucj 2008, Track 1 (1749640) 1:20
Heinz Rudolf Kunze: Immer für dich da 2, CD: Das Original, BMG 2005, Track 14 (LC 00116) 1:05
Silbermond: Ich bereue nichts, CD: Nichts passiert, sony music 2009, Track 3 (LC 00162) 1:30
Sehen lernen
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