Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.10.09, Pfarrer Reinhard Ellsel (Choralandacht)

„Ja, ich will euch tragen“ (eg 380)

Choral (1. Strophe): Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin. / Und ihr sollt einst sagen, daß ich gnädig bin.

Autor: „Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin. Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.“ Diese Worte stammen von Jochen Klepper. 1938 hat er sie gedichtet. In einer Zeit, die nicht nur für Deutschland, sondern auch für ihn persönlich sehr schwer war. Doch trotz aller Probleme des Dichters: Sein Choral spricht eine klare und Mut machende Sprache. Komme, was will: Gott begleitet uns bis ins Alter hinein.

Choral (Strophe 2): Ihr sollt nicht ergrauen, ohne daß ich`s weiß, / müsst dem Vater trauen, Kinder sein als Greis.

Sprecherin: Ihr sollt nicht ergrauen, ohne daß ich`s weiß, müsst dem Vater trauen, Kinder sein als Greis.

Choral (Strophe 3): Ist mein Wort gegeben, will ich es auch tun, / will euch milde heben: ihr dürft stille ruhn.

Autor: „Ist mein Wort gegeben, will ich es auch tun.“ Gottes Wort gilt. Die glaubensstarken Zusagen des Liedes tun mir gut. Sie stärken mir den Glauben an Gottes Hilfe und Führung durch das Leben. Das geht nicht nur mir so. In Frauenkreisen wird der Choral oft als Geburtstagslied gewünscht. Auch ist er sehr beliebt bei vielen älteren Menschen:

Sprecher: In unser Altenheim kam neulich zum Jahresende ein Frauenchor. Er erfreute uns durch schöne Kirchengesänge. Besonders gefiel mir der Liedvortrag "Ja, ich will euch tragen". Den Text habe ich mir fotokopieren lassen. Nun hängt er über meinem Bett. Eigentlich könnte man dieses "Silvesterlied" jeden Tag hören, so tröstlich und wahr ist es.

Choral (4. Strophe): Stets will ich euch tragen recht nach Retterart. / Wer sah mich versagen, wo gebetet ward?

Autor: Ursprünglich hat Jochen Klepper sein Lied für Silvester geschrieben. Entstanden ist es allerdings im Sommer. Vielleicht wirkt es ja deshalb so zeitlos und ist das ganze Jahr über aktuell. Das Besondere sind die vielen biblischen Aussagen, die der Dichter aufnimmt. Sein Lied bringt die Worte der Bibel zum Klingen. Wie sehr sich Jochen Klepper dabei gerade vom Alten Testament, also von der Bibel des Volkes Israel, inspirieren ließ, verdeutlicht eine seiner Tagebucheintragungen:

Sprecher : 19. Juni 1938 / Sonntag
Ja, ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet. Ich will es tun, ich will heben und tragen und erretten. Jesaja 46,4

Instrumentalmusik

Sprecher: Dieser eine Tag ist wieder Sommer, wenn`s auch im Hause noch kühl ist. Der Himmel ist blau, nachdem der Morgen noch zwischen Grau und Bläue wechselte; die Sonne scheint stark, doch ohne Schwere; ein zarter Wind geht; alles Grün des nun dicht belaubten Gartens leuchtet.

Autor: An diesem Sonntag im Sommer hört Klepper eine Predigt über Jesaja 46, die ihn sehr berührt. Er schreibt ein Silvesterlied darüber und über 5. Mose 32, Vers 7:

Sprecherin: Gedenke der vorigen Zeiten und hab acht auf die Jahre von Geschlecht zu Geschlecht.

Choral (5. Strophe): Denkt der vor`gen Zeiten, wie, der Väter Schar / voller Huld zu leiten, ich am Werke war.

Autor: Der Schriftsteller hat in bedrängter Zeit viel Kraft in der Schöpfung und im Wort Gottes gesucht und gefunden. Und das war auch vonnöten: Klepper war mit der Jüdin Hanni Stein verheiratet und hatte deren beiden Töchter Brigitte und Renate aufgenommen. Deshalb wurde der 35jährige durch das nationalsozialistische Regime zusehends in seinem Wirkungskreis als Journalist und Dichter eingeschränkt und ausgegrenzt.

Mit Sicherheit sind aber gerade deshalb Kleppers Lieder bis heute so aussagekräftig und trostreich. In ihnen spiegelt sich wider, wie sehr ein fast am Boden zerstörter Mensch trotzdem an der Treue Gottes festhält. Bei Gott findet er neue Kraft und neuen Mut für das nötige Tagewerk.

Choral: (6./7. Strophe)   
6. Denkt der frühern Jahre, wie auf eurem Pfad / euch das Wunderbare immer noch genaht.
7. Laßt nun euer Fragen, Hilfe ist genug. / Ja, ich will euch tragen, wie ich immer trug.

Sprecherin: Laßt nun euer Fragen, Hilfe ist genug. Ja, ich will euch tragen, wie ich immer trug.

Autor: Glaubensstarke und den Glauben stärkende Worte, geschöpft aus dem Wort Gottes. Das Lied hat bis heute unzählig vielen Menschen Kraft gegeben - auch dem Dichter selbst. Klepper spürte nach dem Schreiben seiner Lieder immer einen tiefen Frieden, nicht nur im Herzen, sondern "auch in den Sinnen und Nerven".

Instrumentalmusik

Autor: Doch die bedrohliche Situation um seine Familie spitzt sich zu. 1939 gelingt es zwar seiner ältesten Stieftochter Brigitte noch, nach England auszuwandern. Renate aber schiebt ihre Emigration wegen einer Erkrankung hinaus. Für Jochen Klepper und seine Frau kommt ein Exil nicht in Frage. Und dann sind die Grenzen dicht. Eine Flucht ins sichere Ausland ist unmöglich. Im Dezember 1940 wird Klepper zum Wehrdienst einberufen. Er lässt sich nicht davon befreien. Er hofft, auf diese Weise seine Frau und die von der Deportation bedrohte Renate am ehesten schützen zu können. Doch als der Schriftsteller ein Jahr später wegen seiner jüdischen Ehe als "wehrunwürdig" entlassen wird, ist der Familie klar: sie muss nun mit dem Schlimmsten rechnen. Der Reichsinnenminister, Dr. Wilhelm Frick, warnt Klepper:

Sprecher: "Noch ist Ihre Frau durch die Ehe mit Ihnen geschützt. Aber es sind Bestrebungen im Gange, die die Zwangsscheidung durchsetzen sollen. Und das bedeutet nach der Scheidung gleich die Deportation des jüdischen Teils."

Instrumentalmusik

Sprecherin (4. Strophe): Stets will ich euch tragen recht nach Retterart. Wer sah mich versagen, wo gebetet ward?

Autor: Jochen Klepper verliert nicht seinen Glauben, aber seine innere Kraft. Als er schließlich überhaupt keinen Ausweg mehr sieht, nimmt die Verzweiflung überhand. In der Nacht zum 11. Dezember 1942 gehen Renate, Hanni und Jochen Klepper gemeinsam in den Tod. Polizisten, die die Toten am nächsten Tag abtransportierten, sollen gesagt haben: "Wenn sie das vor hatten, war es hohe Zeit."

Instrumentalmusik

Autor: Jochen Kleppers allerletzte Tagebucheintragung vor der Todesnacht zeigt seine Verzweiflung - und gleichzeitig sein Vertrauen auf den Gott, der ihn auch jetzt noch trägt - vom Leben in die Ewigkeit:

Sprecher: „Nachmittags die Verhandlungen auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott - Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Choral (1. Strophe): Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin. / Und ihr sollt einst sagen, daß ich gnädig bin.

Musikinformation: Es sang das Solistenensemble unter der Leitung von Gerhard Schnitter.

Audiobeitrag „Ja, ich will euch tragen“ (eg 380)


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