Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.10.09, Pfarrer Reinhard Ellsel

Die Quelle (Psalm 36,10)

In den Österreichischen Alpen lebte hoch oben in den Bergen ein bescheidener Mann ganz einsam im Wald.

Er war vor vielen Jahren von einem jungen Stadtrat eingestellt worden mit dem Auftrag, die Quellen zu pflegen. Aus den Quellen oben in den Bergen entsprang das klare, frische Wasser, das sich zu einem sprudelnden Bach vereinigte und hinunter ins Städtchen floss. Dort weitete sich das Wasser zu einem kleinen See, der mit seinen Enten und Schwänen den idyllischen Mittelpunkt des Ortes bildete und zum Anziehungspunkt für die Touristen wurde. Der Pfleger der Quellen ging hoch oben in den Bergen immer wieder durch die Wald- und Felslandschaft und befreite die Quellen von Schlamm und Geröll, die sonst den Strom des Wassers verunreinigt oder verstopft hätten. So vergingen die Jahre.

Als nun an einem Abend der Rat der Stadt zur Beratung seines Haushalts zusammensaß, brachte jemand das Gespräch auf die Summe, die regelmäßig an den Pfleger der Quellen ging. Da sagte der Kassenwart des Ortes: "Wer ist dieser alte Mann? Warum bezahlen wir ihn Jahr für Jahr? Wir brauchen keinen Pfleger der Quellen." Und so beschloss man einstimmig, diesen Posten zu streichen.

Einige Monate änderte sich nichts in dem Städtchen. Aber der Strom des Bächleins wurde allmählich immer schwächer und trüber. Der Teich im Mittelpunkt des Ortes begann, unangenehm zu stinken. Schließlich war der Bergbach nur noch ein bräunliches Rinnsal. Und die Touristen zogen sich in idyllischere Regionen zurück.

Da erkannte der Stadtrat den schwerwiegenden Fehler. In einer eilig einberufenen Sondersitzung wurde der Pfleger der Quellen wieder eingestellt. Und schon nach wenigen Tagen floss das Wasser wieder reichlich und klar, und das alte Leben kehrte wieder zurück.

Liebe Hörerinnen und Hörer, wenn die Quellen verstopft sind, verkümmert das Leben. Zunächst vielleicht unmerklich, aber unaufhaltsam. Deshalb müssen wir unsere Quellen pflegen. Manchmal sind sie unter dem Geröll des Alltags verschüttet. Manchmal sind unsere Quellen verunreinigt durch Ängste und Ehrgeiz, durch Konkurrenzdruck und Ärger. Manchmal kümmern wir uns nicht um unsere Quellen, weil wir vergessen haben, dass es sie gibt.

In Psalm 36 bekennt einer (Psalm 36,10): "HERR, bei dir ist die Quelle des Lebens."

In der Bibel spielt das Bild der Quelle eine wichtige Rolle. Gott wird verglichen mit einem Brunnen oder einer Quelle, die nie versiegt. Wir Menschen sind auf Gott, die lebendige Quelle, bezogen. Denn wir sind Dürstende.

Sprecherin: "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott."

Heißt es in  Psalm 42. Wir sind lebensdurstige Menschen; und das im umfassenden Sinn. Damit Gedanken, Kreativität und Energie fließen können, damit sich etwas in unserem Leben entwickelt und uns die Lust am Leben nicht verlässt, muss uns etwas zufließen: Etwas, das uns neu und frisch macht; etwas, das uns Kraft gibt zum Glauben und zum Leben.

 

Audiobeitrag Die Quelle (Psalm 36,10)


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