Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.10.09, Pfarrer Sven Keppler

Theater

Autor: Ein Abendzug in Paris. Eine Familie kehrt zurück von einem Besuch im Theater. Der Vater ist beschwingt von dem Erlebnis, genau wie die Kinder.

Sprecher: Der kleine Junge war sehr stolz, weil man ihm die Aufbewahrung der Fahrkarten anvertraut hatte, die er, nach dem Beispiel des Vaters, in dem Aufschlag seines Ärmels trug. Das Familienoberhaupt hielt einen alten Chapeauclaque in der Hand und streichelte ihn mit der anderen, als sei er ein kleines Tier. Er trieb mit diesem Hut alle möglichen Späße, um die Kinder wach zu halten.

Autor: Raymond Radiguet erzählt diese kleine Szene in dem Roman Der Ball des Comte d’Orgel. Mit im Abteil sitzt François. Ein junger Mann, dem man seine vornehme Herkunft ansieht. Ganz im Gegensatz zu der Familie, die nach billigen Mottenkugeln riecht. François beobachtet die Kinder und freut sich an der guten Laune des Mannes.

Sprecher: „Hast du die Karten nicht verloren, Toto“, erkundigte sich der Vater besorgt von Zeit zu Zeit. „Sonst hätte es sich nicht gelohnt, erste Klasse zu nehmen.“

Autor: Bei diesem Satz würden sich die Frau und ihre erwachsene Tochter am liebsten verstecken. Sie schämen sich vor François.

Sprecher: Die Frauen litten unter dem Außergewöhnlichen. Sie dachten, sie könnten es immer so haben. Wenigstens hätten sie gerne einen Fremden wie François glauben gemacht, dass sie an diese Kleider, dieses Theater, diese erste Klasse gewöhnt waren. Aber dieser Esel von Mann verriet alles.

Autor: Der Vater ist ganz ungebrochen in seiner Freude. Das Glück, das er empfindet, zeigt er auch. Durch François lässt er sich nicht stören. Er steckt ihn sogar ein wenig an mit seinem Vergnügen. Die Frauen dagegen wollen mehr hermachen. Sie schämen sich für ihre einfache Herkunft und spielen deshalb selber Theater. Eine durchschaubare Rolle, die sie nicht beherrschen.

Sprecher: Sie begegneten seinem Entzücken mit schlechter Laune: Das Abteil sei schmutzig, einer der Schauspieler wäre seiner Rolle nicht sicher ... Kennerinnen müssen sich unzufrieden zeigen, dachten sie. Ach, das ist es, was alle, Hoch und Niedrig, glauben!

Autor: Am liebsten würde ich jemand anderes sein. Nicht in meiner Durchschnittlichkeit gefangen sein. Erst recht möchte ich nicht, dass mein Gegenüber auf mich herabblickt. Ich fange an, Rollen zu spielen. Ich spüre die Angst, diese Rollen nicht auszufüllen. Aber wenn ich damit erst einmal begonnen habe, kann ich auch nicht mehr zurück.

Die Bibel nennt diese Haltung Sünde. Sünde ist nicht, wenn ich zu viel esse oder über eine rote Ampel fahre. Sünde ist der Riss, der durch die Heuchelei entsteht. Ich werde mir fremd, weil ich mich verachte. Und den anderen werde ich fremd, weil ich verhindern muss, dass sie mich durchschauen.

Am fremdesten wird mir Gott. Ich fange an, ihn zu hassen. Weil ich spüre, dass ich mich vor ihm nicht verstellen kann. Ich verleugne ihn und verbanne ihn aus meinem Leben. Um nicht daran erinnert zu werden, dass ich nur noch ein schlechter Schauspieler bin.

Was soll ich tun? So naiv werden wie der Vater kann ich nicht mehr. Ich sehe mich immer auch mit den Augen der anderen. Ich bräuchte Blicke, die mich aufbauen. Die mich durchschauen und sich trotzdem nicht abwenden. Die das Gute in mir entdecken, von dem ich selbst nichts ahne. Ich müsste mich mit den Augen Gottes sehen können.

Literaturangabe: Raymond Radiguet, Der Ball des Comte d'Orgel, Frankfurt/M. 1972 (Bibliothek Suhrkamp, Bd. 13).

Audiobeitrag Theater


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