Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.10.09, Pfarrer Sven Keppler

Stadt

Autor: Vor einer halben Stunde ist ihm gekündigt worden. Betriebsbedingt, angeblich. Werbefachmann ist er. Seine letzten zwei Kampagnen hatten keinen Erfolg.

Kein Wunder, mitten in der Krise. Er geht durch Düsseldorf. Aus einer Passage kommt Musik – „Stadt“ von Cassandra Steen und Adel Tawil.

Musik: Es ist so viel, so viel zu viel, überall Reklame. Zuviel Brot und zuviel Spiel. Das Glück hat keinen Namen.

Autor: Er bleibt stehen. Genau so ist es. Alles viel zu viel. Wie soll man seine Botschaften noch entdecken zwischen all den Plakaten, Leuchtschriften und Schaufenstern? Alles lenkt nur ab. Das Wesentliche kommt nicht mehr zur Sprache.

Musik: Alle Straßen sind befahren, in den Herzen kalte Bilder. Keiner kann Gedanken lesen. Das Klima wird milder.

Autor: Er kriegt den Katzenjammer, Selbstmitleid kommt in ihm hoch. Die Musik verstärkt seine Gefühle, er fühlt sich verstanden. So ist es doch: Alle haben nur ihren eigenen Weg im Blick, nur materielle Ziele. Keiner interessiert sich mehr für die Gedanken des Gegenübers. Warm ist nur noch das Wetter. Und er hat jahrelang von dieser Scheinwelt gelebt.

Musik: Ich bau 'ne Stadt für dich aus Glas und Gold und Stein. Und jede Straße die hinausführt führt auch wieder rein. Ich bau eine Stadt für dich – und für mich.

Autor: Wäre es das nicht, eine eigene Stadt? Die ganze Welt bleibt draußen. Nur mit dieser Frau mit der schmeichelnden Stimme? Aber warum aus Glas und Gold und Stein? Er blickt um sich. Gläserne Schaufenster. Goldene Namenszüge der Läden. Und überall polierter Marmor. Danke, davon habe ich genug.

Musik: Wo das Licht nicht erlischt. Das Wasser hellt, und jedes Morgenrot, und jeder Traum sich lohnt. Und wo jeder Blick durch Zeit und Raum in unsere Herzen fließt. Ich bau 'ne Stadt für dich aus Glas und Gold und Stein...

Autor: Mehr Natürlichkeit, die Sehnsucht kennt er. Damit hat er auch schon Werbung gemacht. Alles lichtdurchflutet. Die Sonne geht auf. Man beginnt zu träumen. Von einer Welt ohne Angst und Habgier. Deshalb soll die Stadt aus Glas sein – damit das Licht sie durchfluten kann. Aus leuchtendem Gold, das ihren Wert zeigt. Und aus Stein, dauerhaft, keine Wegwerfarchitektur.

Er denkt an die Bibel – als Werbemann kennt er sich aus in ihren Bildern. Das neue Jerusalem im Buch der Offenbarung. „Die Stadt war aus reinem Gold, gleich reinem Glas. Und die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelsteinen.“ [Offb. 21,18f.] Ein uralter Traum, diese Stadt. Eine Sehnsucht. Nirgendwo zu finden. Aber ein Ziel, zum träumen. Jahrelang hat er Träume verkauft mit seiner Werbung. Jetzt spürt er, dass der Kommerz sie verdorben hat. Und dass er das Träumen doch nicht lassen kann. Die Musik, das biblische Bild, all das berührt ihn. Einen Moment lang kommt ihm eine teuflische Idee: Ob man mit dieser Stadt nicht Werbung für einen Juwelier machen kann? Aber dann schiebt er den Gedanken weg. Die Sehnsucht, die er gespürt hat, ist ihm einfach zu kostbar.

Musikinformation: „Stadt“ von Cassandra Steen feat. Adel Tawil, LC 06748

Audiobeitrag Stadt


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