Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.10.09, Kerstin Hanke

Kain´s Zeichen

Wir nannten ihn Mister Unsichtbar. Denn er verliess nur selten sein Zimmer. Kahle Wände. Zeichenbrett. Computer. Im Sommer saß er dann abends auf dem Fensterbrett.

Grillwürstchenduft hing in der Luft. Musikfetzen. An diesem Abend erzählte er mir dann seine Geschichte.

Beziehungsstress. Eifersuchtsszenen. Kontrollverlust „Wir stritten als wir auf das Motorrad stiegen.“ Er stockte. „Ich fuhr schnell. Viel zu schnell. Sie war sofort tot.“

Die Leichtigkeit des Sommerabend verwehte.

„Du bist wie Kain,“ sagte ich. „Wie der aus der Bibel. Der getötet hat und damit weiterleben muss. Und dafür so eine Art Tattoo von Gott bekommt.“

„Kain“, wiederholte er. „Das ist gut“.

Am Ende des Sommers lag zerknülltes Papier auf dem Boden. Auf dem Zeichenbrett klemmte ein sorgfältig gezeichneter Grundriss.

„Ich fange wieder mit der Uni an. Architektur. Kain ist fortgelaufen. Seine Schuld wurde er nicht mehr los. Aber Kain ist der erste Städtebauer geworden. Ich habe das nachgelesen. Er hat für andere Lebensräume gebaut. Und das kann ich auch.“

„Das ist klasse!“ Sagte ich. Aber etwas fehlte noch. „Du brauchst ein Kainszeichen.“

Er lächelte und schob sein T-Shirt hoch. Und auf seinem Oberarm war eine frische Tätowierung.

Sprecher: Felix Strüven

Audiobeitrag Kain´s Zeichen


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