Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.10.09, Stephan Kiepe-Fahrenholz

Abgebrüht

Die Nachricht, dass ein 9-jährige Mädchen misshandelt und anschließend zum Sterben in einen Gully geworfen wird, ist schwer genug zu ertragen.

Wenn aber anschließend als Täter ein 14-jähriger Junge verhaftet wird, der zwar unter einer emotionalen Störung leidet, aber dafür professionelle Hilfe bekommt und in einem geordneten, verständnisvollen Elternhaus lebt, dann fällt einem wirklich nichts mehr ein.

Das heißt: manchen fällt doch was ein. Fernsehen und Zeitung fällt das Übliche ein: Die Eltern versagen. Die Schule versagt. Wir brauchen strengere Gesetze. Und weniger Gewaltvideos. Und so weiter. Das kann alles keiner mehr hören. Weil jeder weiß, dass es viel zu kurz greift.

„Kühl und abgebrüht“ hat der Junge gehandelt, sagt die Polizei. Aber: woher hat er das. Ist er schon so auf die Welt gekommen? Wieso werden Kinder, wie sie werden? Kinder sind, so die Bibel, ein Geschenk Gottes. Davon merken sie bei uns bestimmt nichts. Was sie merken, ist: Die Schule funktioniert nicht. Ausbildung gibt’s viel zu wenig. Und was die Alten hinterlassen, ist ein kaputtes Klima, ein Riesenberg Schulden und ein gepflegtes Desinteresse an dem, was aus der jungen Generation wird.

Das ist natürlich nicht die Erklärung für das scheußliche Verbrechen, von dem hier die Rede ist. Aber: Kühl und abgebrüht – das ist doch vor allem die Gesellschaft als Ganze. Und zwar schon länger. Dass der Einzelne dann auch so wird, ist nicht wirklich verwunderlich.

Sprecherin: Christiane Birgden

Audiobeitrag Abgebrüht


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen