Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.10.09, Pfarrer Reinhard Ellsel

Sehnsucht nach Gott (Psalm 42)

"Ich meine, dass kein besseres Exempelbuch oder Heiligenlegende auf Erden gekommen sei oder kommen kann, als der Psalter ist."

Das hat einmal der Reformator Martin Luther gesagt,
liebe Hörerinnen und Hörer. Und um die Psalmen soll es deshalb in dieser Woche in den Andachten gehen. Luther war offensichtlich ein Liebhaber der Psalmen. In ihnen hat er entdeckt, wie Menschen vor ihm an Gott geglaubt, mit Gott geredet und mit Gott gerungen haben. Luther sagt, dass wir in den Psalmen "allen Heiligen ins Herz sehen". Mit deren Worten können wir beten lernen. Die Psalmen sind so etwas wie eine "Schule des Gebets".

Heute nun sehen wir einem Glaubenden ins Herz, der sich von Gott verlassen fühlt. Von seiner Sehnsucht nach Gott spricht der Psalm 42:

Sprecherin: "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Ich sage zu Gott, meinem Fels:
Warum hast du mich vergessen?"

So sind wir manchmal dran: zweifelnd und mutlos, ausgelaugt und ausgebrannt. Wäre in der Bibel nur von unerschütterlichen Glaubenshelden die Rede: wie fern bliebe sie uns, wie fern bliebe uns Gott. Und deshalb finde ich es tröstlich, dass auch solche Worte in der Bibel stehen.

Aber nun schreit hier einer seine Verzweiflung vor Gott heraus. Vielleicht hat er gesundheitliche Probleme, vielleicht fühlt er sich ungerecht behandelt. Auf jeden Fall steckt er jetzt in einer Krise und fühlt sich meilenweit von Gott entfernt. Und da macht der Beter eine weitere schlechte Erfahrung. Da ist keiner, der hilft; da ist keiner, der ein aufbauendes Wort sagt; da ist nur die nervtötende Schadenfreude von anderen, die sich immer schon daran gestört haben, dass da jemand ein Ideal hat und Träume von einer besseren Welt; dass da jemand an einen gütigen Gott glaubt, der ihn durch das Leben führt; dass da jemand eine Hoffnung hat für sich und die Menschen um sich herum. Wie eine Ohrfeige erschallt es aus dem Munde der ewigen Pessimisten, Egoisten und Atheisten: "Wo ist nun dein Gott?"

Allerdings: noch ganz weit weg von Gott, ist der Beter Gott doch schon ganz nah. Jemand hat einmal gesagt: "Gib deinem Glauben Nahrung, dass dein Zweifel verhungert." Genau das tut der Beter: Er streckt sich aus nach Gottes Hilfe, gerade weil er ihn im Moment nicht versteht. Betend füttert er seinen Glauben, damit er geistlich nicht verhungert unter der hämischen Anfrage: "Wo ist nun dein Gott?"

Und da keimt bei dem Beter eine trotzige Hoffnung auf - wie aus einer anderen Welt:

Sprecherin: "Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist."

 

Audiobeitrag Sehnsucht nach Gott (Psalm 42)


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