Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

11.10.09, Pfarrer Traugott Vitz

Nächstenliebe - Chance, nicht Pflicht

Nicht nur bedrohte Tierarten gibt es, so meint der Berliner Autor Bodo Mrozek, sondern auch bedrohte Worte.

Worte, die niemand mehr aktiv gebraucht und schlimmstenfalls noch nicht einmal mehr kennt. Aber es sei schade um sie, meint er. Worte wie „Kleinod”, „Labsal” oder „blümerant”. Er hat ihnen sogar eine eigene Webseite  gewidmet.

Ich habe dort nachgesehen: „Nächstenliebe” steht noch nicht auf der Roten Liste der sterbenden Worte, auch „Barmherzigkeit” nicht. Dabei begegnen diese beiden Worte uns schon längst nicht mehr in den Nachrichten oder der Werbung, und wenn unsere Kinder sich beim Warten auf den Schulbus unterhalten, kommen sie auch nicht vor. Aber vielleicht ahnen sie ja noch, was sie bedeuten. Das hoffe ich zumindest. Mein Name ist Traugott Vitz; ich bin evangelischer Gemeindepfarrer in Hilden bei Düsseldorf.

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” – diese Aufforderung aus der Bibel kennen ganz viele und sagen oft auch von sich selbst, dass sie danach leben, selbst wenn sie keine ausgesprochen religiösen Menschen sind. Andererseits: Wenn mal das Fernsehen am Straßenrand vor versteckter Kamera einen gestellten Autounfall aufbaut, fahren oft zehn vorbei, bevor der erste hilft oder auch nur zum Handy greift, um den Notarzt zu rufen.

Aber „Liebe ist nicht nur ein Wort”, wie es in einem Lied heißt, „Liebe, das sind Worte und Taten”. Und wo Taten ausbleiben, bleibt Nächstenliebe ein bloßes Wort.

Nächstenliebe und Barmherzigkeit – diese Worte haben schon einen leichten Mottenkugelgeruch. Dabei sind sie und ihre Bedeutung die Antwort auf eine zentrale Lebensfrage.

Im Neuen Testament kommt einer vor, der sie stellt:

Sprecher : Siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst«. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Autor: An die kommende Ewigkeit denken heute wahrscheinlich weniger Menschen als damals. Um zu verstehen, was den Mann umtreibt, müssen wir seine Frage übersetzen: Was muss ich tun, damit mein Leben gelingt? Wann ist mein Leben wert, gelebt zu werden?
Da springt die Frage wahrscheinlich auch über zu uns. Das ist uns in der Regel nicht egal. Viele machen es nur an anderen Dingen fest, am sozialen oder beruflichen Erfolg beispielsweise, oder an der Menge von Glück oder Unglück, die einer erlebt.

Und was macht jetzt Jesus? Er beantwortet die Frage eigentlich gar nicht. Er verweist den Frager auf seine bisherigen Bemühungen, auf sein Studium der Schrift. Und der antwortet mit den beiden wichtigsten Sätzen der Hebräischen Bibel, und Jesus bestätigt ihm: „Du hast recht geantwortet.”

Aber dann sagt er noch einen Satz, und der hat es in sich: „Tu das, so wirst du leben.” Tu das. Bisher war alles eine Auseinandersetzung unter Rabbis, ein theologisches Fachgespräch, theoretisch, höflich, unpersönlich, nett. Und jetzt das. „Tu das.” Jesus mutet dem Schriftgelehrten und uns zu, dass Glaube etwas mit Praxis zu tun hat. Um Himmels willen! Ja, genau. Um des Himmels willen, nämlich damit Gott geehrt werde, darf die Liebe nicht nur ein Wort bleiben.

---Musik ---

In der Praxis ist das mit der Nächstenliebe nicht so einfach. Einmal: Wo sollen wir sie denn hernehmen? Bei rundherum unsympathischen Zeitgenossen, zum Beispiel? Das ist doch eine Überforderung! Und dann: Wem bin ich sie denn schuldig, die Liebe? ist das einfach jeder, jeder Mitmensch auf dieser Erde? alle soundsoviel Milliarden?  bin ich jedem davon in gleicher Weise verpflichtet?

Nein: Wenn Jesus sagt „Tu das”, dann muss er auch etwas meinen, was man tatsächlich tun kann, sonst ist seine Antwort einfach unsinnig und unfair und zu nichts anderem gut, als nachdenklichen Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen.

Wie Nächstenliebe praktisch möglich werden könnte, das fragen nicht nur wir, das hat damals auch der Schriftgelehrte wissen wollen.

Sprecher : Der Schriftgelehrte aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.

Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Autor: Bevor Jesus zu erzählen begann, war alles im Bereich der Theorie geblieben. Aber theoretisch ist die Frage nach dem Nächsten nicht zu lösen. Beziehungsweise: wenn man es denn versucht, kommt Unmenschliches dabei heraus. Zum Beispiel: „Jeder ist sich selbst der Nächste.” Oder: „Deutschland den Deutschen.” Das sind alles Antworten auf die Frage: „Wer ist der Nächste, dem ich helfen muss? wo verläuft die Grenze, die den Nächsten vom Nicht-mehr-Nächsten trennt? wen darf ich guten Gewissens als den Fernen ansehen, dem ich nichts mehr schuldig bin?” noch spitzer gefragt: „Wo endet meine Pflicht zur Liebe?”

Auch ich habe keine Lust, angesichts einer unerfüllbaren Pflicht mit einem permanenten Schuldgefühl herumzulaufen. Aber so sehr es verständlich ist, dass einer so fragt – Jesus findet diese Frage offenbar verfehlt. Das sieht man daran, dass er die Frage mit einer Geschichte beantwortet, nicht mit einem Gedanken. Er führt ein Geschehen vor, ein Tun. Er nimmt die Frage nach dem gelingenden Leben, der Liebe zu Gott und den Menschen und stellt sie mitten hinein in unsere Welt der Räuber und der Beraubten, der Gewalttäter und derer, denen Gewalt angetan wird.

Wenn Sie in Ihrer Zeitung davon lesen, dass ein alter Mensch beraubt wurde, dass ein Kind vernachlässigt, eine Frau misshandelt wird, und es zerreißt Ihnen beim Lesen das Herz – dann erleben Sie haargenau das, was der Samariter in der Geschichte erlebte. „Er jammerte ihn” übersetzt Luther, und das ist auch so ein vom Aussterben bedrohtes Wort. Das sagen wir nicht mehr, dass „mich jemand jammert”, dass das Leid eines anderen mich so anpackt, dass ich jammern könnte. Eigentlich hat das Wort, das da im Urtext steht, mit dem Inneren des Menschen zu tun, mit seinen Eingeweiden, seinen Innereien. Statt „er jammert ihn” würden wir heute sagen: es geht ihm an die Nieren, oder: es dreht ihm den Magen um, es zerreißt ihm das Herz.

Das ist die Antwort auf die Frage, wie Nächstenliebe funktioniert, woher sie ihre Kraft nimmt und wann sie fällig ist: Wenn mich das Leid eines anderen so anrührt, dass ich jammern könnte.

--- Musik ---

So lange die Nächstenliebe eine Sache der theologischen und theoretischen Erörterung bleibt, nutzt sie nichts. Sie muss erst aus dem Kopf in den Bauch rutschen, muss uns befähigen, zur rechten Zeit den Jammer zu merken, der uns anschreit. Und dann kann ich nämlich nicht mehr anders. Genau das sagen sehr oft tapfere Menschen, die für einen anderen ihr Leben gewagt haben: „Aber das musste ich doch tun! Das ging doch gar nicht anders!” Und wir staunen, fragen uns, ob wir das wohl gekonnt hätten, und verehren sie womöglich wie Helden – dabei ist doch nichts anderes passiert, als dass ihnen die Nächstenliebe aus dem Kopf in den Bauch gerutscht ist: Es hat sie gejammert.

Als Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter fertig erzählt hatte, kam allerdings noch etwas hinterher. Ein Satz, der alles entscheidet. Jesus fragte den Schriftgelehrten:

Sprecher : Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

Autor: Mit seiner Frage stellt Jesus den Begriff „Nächster” auf den Kopf. Der „Nächste” – das ist nicht mehr der, dem ich helfen muss. „Nächster” – das ist das, was ich für den Halbtoten am Weg werden kann. Die Frage lautet nicht mehr: „Wem muss ich helfen?” sondern „Wie kann ich Nächster sein?”, nicht mehr: „Wo endet meine Pflicht zur Liebe?” sondern „Wo fängt meine Chance zur Liebe an?” Wir suchen nicht mehr eine Definition des Nächsten, sondern wir trainieren die Berührbarkeit unserer Seele. Auch in „Barmherzigkeit” steckt das Herz, das Innere, der Bauch. Trauen wir dem ruhig etwas zu.

Soll ich mich einmischen? Da drüben fallen grade fünf Kinder über eines her. Soll ich die weinende Frau da drüben ansprechen, was ihr fehlt und ob ich ihr helfen kann? Soll ich? Es ist nicht das schlechteste Rezept, in so einer Lage eher auf das Herz zu hören als auf den Kopf, eher auf die Liebe als auf die Angst, eher zu tun als nichts zu tun.

Das ist, schließlich und endlich, ja auch das, was Gott uns in Jesus vorgemacht hat. Was er auf Erden unter den Menschen getan hat, war geboren aus Liebe und Erbarmen mit den Menschen, die ihn nötig hatten. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab”, steht im Johannesevangelium.

Dieser Helfer steht am Anfang unseres Helfens. Das verstaubte Wort, das fast schon gestorbene Wort „Barmherzigkeit” ist der Schlüssel zu einem Leben, zu dem Gott Ja und Amen sagt und das darum nicht misslingen kann.

Jesus selbst verspricht: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.” Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Ich bin Traugott Vitz, Pfarrer in Hilden.

--- Schlussmusik ---


 

Audiobeitrag Nächstenliebe - Chance, nicht Pflicht


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen