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Nehmt einander an!
Liebe Hörerin, lieber Hörer!In der Schlosskirche in der Bonner Universität haben auch in diesem Jahr wieder über dreißig Brautpaare in festlichen Traugottesdiensten
Gottes Segen für ihren gemeinsamen Lebensweg erbeten. Die Schlosskirche ist eine typische Hochzeitskirche, hell und festlich, und sie liegt im Zentrum der malerischen Bonner Altstadt hinter dem alten Rathaus, in dem viele Paare ihre Ehe nach Bürgerlichem Recht schließen.
Zu den Bibeltexten, die in einem Traugottesdienst oft verlesen werden, um den Sinn der Handlung darzustellen und zu deuten, gehört ein Satz aus dem Römerbrief über das Zusammenleben der Christen:
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Dieser Satz enthält den ganzen Sinn des christlichen Glaubens in einer praktischen Form: Nehmt einander an, achtet euch gegenseitig, achtet aufeinander, so wie ihr seid, aber nicht, weil ihr zu einem Volk gehört, aus dem gleichen Ort stammt, nicht weil ihr den gleichen Beruf habt, nicht weil ihr zum gleichen Verein gehört, oder was immer euch auch verbinden mag: Sondern nehmt einander an, weil ihr wie alle Menschen von Christus angenommen seid.
Das war die aufregende, weltbewegende Erkenntnis, die das Leben des Paulus veränderte, ihn vom Christenverfolger zum Botschafter Jesu Christi hatte werden lassen: Alle Menschen sind von Christus angenommen, alle Menschen sind Gott gleich lieb. Alle Menschen aller Zeiten sind in Gottes Augen liebenswürdig.
Das klingt ganz einfach, aber es ist eine Lektion, die schwer zu lernen ist. Denn sobald ein Mensch begegnet, der widerwärtig wirkt oder gar handelt, mag man kaum glauben, dass er von Gott anderen freundlicheren Menschen gleich geachtet sei. Aber auch unter Menschen, die sich nicht so lieb haben, wie Brautleute, gilt: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Unter Ehepartnern, frisch getrauten zumal, ist es leicht, dem Satz zu folgen: Nehmt einander an ... aber dieser Satz spricht in den Alltag der Gemeinde in Rom... und da wirkt er geradezu revolutionär. Achtet euch, auch wenn ihr euch nicht sympathisch seid.
Man muss darauf vertrauen, dass das so ist, man kann es nicht beweisen, dass diese grenzenlose Liebe gut ist; aber man muss nicht gegen die Erfahrung glauben, denn gerade an Menschen, die sich nahe stehen, die täglich miteinander umgehen, wird die Wirkung dieser Überzeugung deutlich: Wir leben gut in der Ehe nicht zuerst durch die Betonung und Pflege der Gemeinsamkeiten, sondern durch die Achtung und Förderung der Besonderheiten der Partner. Gemeinschaften, auch Ehe und Familie, leben lebensvoll, wenn sich alle darauf verlassen, dass die Besonderheiten der einzelnen zur Gemeinschaft mehr beitragen als jede Form der Vereinheitlichung. Harmonie ist kein eintöniger Einklang, wiewohl Mehrstimmigkeit geübt werden muss.
Wie ein Team in Sport, Wissenschaft oder auch in der Verwaltung, wie eine musikalische Gemeinschaft lebendiger, leistungsfähiger, ausdrucksstärker wird dadurch, dass gerade ganz unterschiedliche Begabungen und Kompetenzen zusammenwirken, so gilt es auch in der Ehe: Die Vielfalt der Faktoren kann zum Segen wirken, wenn sie als Segen aufgefasst wird, als Gabe Gottes angesehen wird. Eine solche Gemeinschaft wirkt wahrhaftig zum Lob Gottes, denn sie schöpft die Möglichkeiten aus, die der Schöpfer geschenkt hat.
Nehmt einander an!
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