Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.10.09, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

... wie das tägliche Brot

„Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld!“Menschen leben von Brot und Vergebung, glauben Christen und beten um beides im Vaterunser.

Die beiden Bitten stehen so nahe beieinander, als brauchten wir Vergebung wie das tägliche Brot. Aber braucht man Vergebung nicht erst dann, wenn man schuldig geworden ist? Folgt nicht erst einem bestimmten Vergehen bestenfalls statt der „Vergeltung“ die „Vergebung“? Nein, die Bitte um Vergebung wie um das tägliche Brot im Vaterunser ist keine Bitte um Verständnis oder Nachsicht, die einem Vergehen folgt: „Ich habe dir wehgetan, bitte, vergib mir.“ Oder ganz einfach: „Entschuldige bitte!“ Die Bitte um Vergebung ist eine Bitte um Gottes Vergebung als „Vorgabe“, als Vertrauensvorschuss. Schenke mir Vergebung, was immer ich tue, nimm mich mit meinem Eigensinn und in meinen Grenzen an, die ich doch nicht ändern kann, die von Anfang an mein Schicksal sind.  „Vergebung“ ist also viel mehr als eine unerwartete, befreiende Reaktion auf ein „Vergehen“, und deshalb ist sie zunächst und vor allem etwas ganz anderes, eine neue Möglichkeit, das Tun und Handeln des Menschen einzuschätzen.

Goethe hatte die alte, ganz andere Weisheit von der tragischen Verstrickung in Schuld, die jeden Menschen betrifft, in tiefe Worte gefasst:

„Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein;
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.“

Die himmlischen Mächte haben mit dem Gott, der vergibt, von dem Jesus sprach, nichts zu tun. Sie wachen darüber, dass alle Schuld auf Erden gerächt wird, dass auf Vergehen Vergeltung folgt. Das ist die tragische Ordnung der Welt. Dieser Zusammenhang ist aber durch Christus aufgehoben, er hat die Möglichkeit in die Welt gebracht, Vergebung als Vorgabe, als Vertrauensvorschuss zu denken, so wie es vor allem Kinder brauchen. Kinder können gar nicht aufwachsen, nichts ausprobieren, nichts lernen, wenn sie nicht Vergebung voraussetzen könnten, mindestens bei ihren Eltern und Lehrern. Sie nehmen die vergebende Nachsicht ihrer Eltern einfach in Anspruch.

Auch erwachsene Menschen, die sich lieben, gewähren sich ganz von selbst den Freiraum der Vergebung.„Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld!“ In diesem Satz ist das ganze Profil des christlichen Glaubens enthalten, mehr muss man nicht wissen. Nur: Für wirklich halten muss man das schon, dass uns mit unserem Leben zugleich Vergebung geschenkt ist. Wer’s glaubt, wird selig, wird frei vom Zwang des Schicksals. Aber die Kritiker sind schnell bei der Hand zu behaupten: Wenn die Vergebung als Vorgabe gesetzt wird, dann werden die Menschen alle Rücksicht auf andere fahren lassen und nun erst recht eigenmächtig und eigensüchtig handeln.

Meine Erfahrung aber sagt mir anderes: Wer sich von aller Schuld im Voraus befreit weiß, wer das wirklich glauben kann, der wird mit dieser Vor-Gabe der Liebe besonders verantwortungsvoll umgehen.  Oder würden Sie das Vertrauen eines geliebten Menschen unbedenklich und bewusst enttäuschen?

Audiobeitrag ... wie das tägliche Brot


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