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Wie oft?
Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben? Die Frage muss die Jünger sehr beschäftigt haben.
Denn Petrus, der Wortführer, stellt Jesus, ihren Lehrer, richtig zur Rede: Sag es doch mal genau! Wie oft müssen wir vergeben: Reicht siebenmal? Und er denkt bei sich: Das muss doch reichen, wenn mir ein anderer wirklich schadet, dann kann ich das doch nicht dauernd ertragen, dann muss ich mich doch wehren.
Jesus aber antwortet: Siebenmal reicht bei weitem nicht, sieben mal siebzigmal, das kommt der Sache schon näher. Sieben mal siebzig ist vierhundertneunzig, vierhundertneunzig Mal vergeben? Geht das? Wer wollte da mitzählen? Natürlich niemand. Denn Aufrechnen und Nachzählen zerstört den Sinn von Vergebung. Vergeltung rechnet, Vergebung braucht andere Regeln. Vergebung stellt nicht richtig, bringt nicht ins Gleichgewicht, sondern Vergebung gewinnt durch Entgegenkommen, Das ist nicht leicht zu verstehen, und deshalb erzählt Jesus den Jüngern zu dieser Frage eine Geschichte, um seine Auffassung anschaulich zu machen:
Das Himmelreich, und er meint damit die Welt, in der Vergebung wirklich wirkt, das Himmelreich ist wie ein König, der bei seinen Untertanen eine Rechnungsprüfung vornahm. Und dabei stellte sich heraus, dass einer seiner höchsten Beamten ihm einen zweistelligen Millionenbetrag schuldete. Üblicherweise hätte nun der König den Schuldner mit Leib und Leben haftbar machen können, mit allen Gütern, ja sogar die Familie hätte er verkaufen können. Aber er hatte Erbarmen, als der Schuldner ihn dringend um Aufschub bat. Und er erließ ihm sogar die große Schuld. Dieser hohe Beamte aber hatte nichts Eiligeres zu tun, als einen seiner Mitarbeiter, der ihm 100 Tageslöhne, also höchstens ein paar Tausender, schuldete, ins Gefängnis zu werfen, um diese kleine Schuldsumme zu erhalten.
Eine unglaubliche Unbarmherzigkeit! Ein Skandal. Das konnte natürlich nicht verborgen bleiben. Als der König das hörte, wurde er sehr zornig und nahm seine Entscheidung zurück.
Was sollten die Jünger nun aus dieser Geschichte über Vergebung lernen? Etwa, dass Barmherzigkeit und Vergebung doch immer ausgenutzt werden und zwar von den Starken zuerst und dass sie deshalb mit Gewalt gegen Missbrauch geschützt werden müssen? Oder nicht vielmehr dies: Dass man sehr wohl sagen kann, welches Verhalten durch Vergebung hervorgerufen wird und wie traurig es ist und bedrückend, wenn Großzügigkeit verachtet wird, wenn Aufrechnen und Abrechnungen die Menschenwelt beherrschen.
Das Leben aus der Vergebung ist eben kein Leben ohne Maßstäbe. Es leuchtet allen Menschen unmittelbar ein, dass sich der entschuldete Schuldner nicht seinerseits hartherzig verhalten darf, sondern der Vergebung seiner Schuld entsprechend vergeben muss. Wenn Jesus lehrt, siebenmal siebzig Mal, also unbegrenzt oft zu vergeben, dann nimmt er an, dass Vergebung als Norm alle Menschen ganz natürlich verpflichtet. Wer wäre nicht empört über den törichten Schuldner, der sich vom Erbarmen nicht beeindrucken lässt, das er selbst erlebt hat.
Vor allem Kinder brauchen Vergebung statt Vergeltung. Denn Kinder können gar nicht richtig aufwachsen, wenn ihnen nicht vergeben wird, sie können nicht gleich alles so gut machen, wie es Erwachsene erwarten. Aber auch die Welt der Erwachsenen wäre freundlicher, wenn der Glaube an die besondere Kraft der Vergebung immer mehr um sich greifen würde.
Wie oft?
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