Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.10.09, Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost

Ganz in Ordnung

„Du bist ganz in Ordnung“, sagte Jesus leise zu dem Mann auf der Bahre, die vier, die ihn gerade abgesetzt hatten, schauen sich an, als hätten sie nicht richtig gehört.

Ganz in Ordnung? Sie hatten ihren schwer kranken Nachbarn mit viel Mühe durch das Dach des Hauses heruntergelassen, weil er sich nicht laufen konnte, jahrelang litt er schon an Gicht, und sie hatten sich entschlossen, den neuen Wunderdoktor aufzusuchen, von dem es hieß, er heile mit der Kraft seiner Worte, sie hatten das Dach sogar aufgegraben, die Trage an Stricken heruntergelassen und ihn Jesus richtig vor die Füße gelegt - und nun diese Diagnose. „Du bist ganz in Ordnung, dir fehlt nichts, du bist nicht schlechter als all die anderen, die auf ihren gesunden Beinen in dieses Haus gekommen sind, um meine Worte zu hören. Dir fehlt nichts, denn alles, was dich von Gott trennt, das ist Dir vergeben, Dir, wie allen Menschen. Auch wenn dich deine Beine nicht mehr tragen wollen, von Gott bist du genauso geachtet wie all die Gesunden.“

Ungläubiges Staunen, nicht nur bei den vier Nachbarn, die ihn gebracht hatten, auch bei den meisten Zuhörern, die Jesu Worten mit Spannung gefolgt waren. Der war doch ganz und gar nicht in Ordnung, der dort auf der Trage. Er hätte doch kommen können wie sie alle, auf seinen Beinen, wenn alles in Ordnung gewesen wäre. Irrte sich hier der junge Herr Doktor nicht ganz gewaltig? Oder nahm er den Kranken nicht ernst? Hielt er ihn für einen Simulanten, der gar nicht richtig krank ist? Aber er konnte sich doch wirklich nicht bewegen, steif vor Schmerzen!

„Du bist ganz in Ordnung, Dir fehlt nichts!“ – Diese Worte hörten auch einige Fachleute für Heil und Heilung, die sich unter die Zuhörer gemischt hatten. Sie ließen sich nichts anmerken, aber sie merkten sich diese Sätze, denn sie hatten nur zu gut verstanden:

Jesus führte neue Maßstäbe zur Beurteilung von Menschen ein, er behauptete zu wissen, wer Gott gefällt, es besser zu wissen als sie, die Lehrer der Heiligen Schrift. Damit entzog er ihnen die Vollmacht, Menschen zu beurteilen, ob sie vor Gott recht sind oder nicht, ob sie Sünder sind oder Gerechte. An Krankheit oder Gesundheit wollte er den Wert eines Menschen  nicht mehr messen. Alle Menschen sind wertvoll, einfach weil Gott ihnen das Leben gegeben hat und jeden Morgen wieder neu gibt. Menschen brauchen Unterschiede und wer die Unterschiede verwaltet, der hat Macht über seine Mitmenschen. Aber Gott macht keine Unterschiede, behauptet Jesus, vor Gott fehlt uns nichts, auch wenn wir noch so krank sind.

Deshalb ist Krankheit auch keine Auswirkung von Sünde, denn Sünde ist einfach die Unfähigkeit, aus eigener Kraft und für alle zum Guten zu wirken. Das ist zwar traurig, aber dies sind die Grenzen aller Menschen.

Als der Kranke die zuversichtliche Anerkennung durch Jesus spürt: „Du bist ganz in Ordnung!“ „Dir fehlt vor Gott nichts!“ spürt er neue Kraft in sich, und Jesus ermutigt ihn: „Steh auf, nimm Dein Bett und geh nach Hause.“

Seit jenen Tagen ist der Gedanke in der Welt, dass die Krankheit eines Menschen nichts über seinen Wert als Mensch sagt.

Audiobeitrag Ganz in Ordnung


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