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Liebesdienst
Man kannte sie in der Stadt, aber man wusste nicht viel über sie. Sie lebte allein, gehörte zu keiner Familie, traf sich nur manchmal mit anderen Frauen
aus den einfachen Häusern, keiner konnte sagen, wovon sie lebte. Sie wirkte nicht verwahrlost, war aber auch nicht gekleidet wie Frauen von Stand. Angesehene Bürgern hatten keinen Umgang mit ihr, man mied sie, lud sie niemals ein, sie galt als ja wie soll man das ausdrücken? Prostituierte, schreiben Übersetzer in modernem Deutsch und stempeln sie damit gleich ab; Luther übersetzte Sünderin, Lukas schreibt: Eine Frau, mit Fehlern behaftet, ... also einfach ein Mensch wie alle Menschen? Jedenfalls eine Frau ohne öffentliches Ansehen.
Diese Frau nun stört ein Mittagessen, zu dem ein angesehener, sittenstrenger Bürger den bekannten Wanderlehrer Jesus aus Nazareth eingeladen hatte. Sie stört ganz erheblich, nicht nur, dass sie überhaupt in das Speisezimmer vordringt, sie kauert sich schnell bei Jesus nieder, der wie beim Essen üblich zu Tisch liegt, und ehe sie jemand daran hindern kann, fängt sie an, seine Füße zu küssen und sie weint und ihre Tränen fließen über seine Füße. Sie zieht eine Flasche mit Öl hervor und salbt seine Füße damit und trocknet sie mit ihren Haaren.
Der Hausherr ist innerlich außer sich, bewahrt aber die Fassung, er ist wohl zu überrascht von dieser Störung. Jesus merkt natürlich: in seinem Gastgeber tobt ein Sturm der Entrüstung, und er fängt die peinliche Situation durch eine Geschichte auf:
Es war einmal ein Geldverleiher, der nahm hohe Zinsen. Zwei Schuldner konnten nicht mehr zahlen. Da erließ er ihnen ihre Schuld, dem einen eine kleine, dem anderen eine viel größere Summe. Wer von den beiden, fragt nun Jesus seinen Gastgeber, war dem Geldverleiher wohl dankbarer, - der mit der kleinen oder der mit der großen Schuld?
Die Antwort liegt auf der Hand, denkt man, dankbarer ist der große Schuldner, Die Parallele zur Frau zu seinen Füßen drängt sich geradezu auf: Also ist auch sie mit ihren öffentlich bekannten vielen Fehlern dankbarer als der untadelige Hausherr. Und deshalb strengt sie sich mehr an als der Gastgeber. Der hat dem Gast nicht einmal Wasser gegeben, um den Staub der Straße vor dem Essen von Füßen und Händen abzuspülen.
Die Antwort Jesu aber klingt ganz eigenartig: Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt, welchem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.
Damit sagte er seinem Gastgeber durch die Blume: Diese Frau weiß, dass sie Vergebung nötig hat wie alle Menschen, aber sie setzt dagegen die ganze Kraft ihrer Liebe und überschüttet mich mit den Zeichen ihrer Liebe, weil ich die Menschen achte, wie sie von Gott geachtet sind. Du aber, geistvoller Gastgeber meinst, keine Vergebung zu brauchen, weil Du so genau nach den Gesetzen lebst, weil Du alles richtig machst, wie es sich gehört, weil Du Dir also Gottes Achtung verdienst. Wer so von sich denkt, der lebt nach der bei Euch geltenden Ordnung, aber nicht aus der Kraft der Liebe. Die Frau mag getan haben, was ich nicht weiß, es ist ihr als Mensch vergeben, und ihr Verhalten ist keine Bußgeldzahlung, sondern ein Zeichen, dass sie sich der Vergebung ganz anvertraut in allem, was sie getan hat. Sie ist erleichtert zu hören, dass ihr von Gott vergeben ist. Sie hat es gehört und glaubt es. Wer das glaubt, wird selig. Du aber lebst dauernd in der Sorge, Deiner Ordnung entsprechend zu handeln.
Jesus führt die Liebe als die Kraft ein, die jedes Leben trotz aller Schuld und allen Fehlverhaltens zum Guten wendet; die Liebe deckt der Sünden Menge zu; wer aber nicht anerkennt, dass er jeden Tag von Vergebung lebt, spürt die Liebe nicht in sich und verfehlt damit das Leben. Er lebt nach der Ordnung, aber Ordnung ist nicht einmal das halbe Leben.
Liebesdienst
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