Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.10.09, Pfarrer Jochen Müller

Bernhard von Clairvaux: Gönne Dich Dir selbst

Autor: Ich habe einen Brief bekommen, der mich ganz schön aus der Bahn geworfen hat. Nein, falsch, eigentlich hat ein anderer diesen Brief bekommen,

nämlich 850 Jahre vor mir. Da hat Papst Eugen III. diesen Brief vom Zisterziensermönch und seinem geistlichen Lehrer Bernhard von Clairvaux bekommen. Aber mir scheint, dass der Brief an den Papst mich genauso meint. Bernhard schreibt:

Sprecher: Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir.

Autor: Woher weiß er das? Woher weiß er, dass mein Tag mit zahlreichen Beschäftigungen angefüllt ist? Kind versorgen, Frühstück bereiten, Küche fertig machen, Begegnungen auf der Arbeit, Telefongespräche, e-mails, Besuche und schon bin ich mitten drin im alltäglichen Hamsterrad. Weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Und jetzt lese ich:

Sprecher: Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest.

Autor: Recht hat er. Mag vielleicht altertümlich klingen „die Stirn verhärten“ – aber ist es nicht so, dass ich mir ständig einen Kopf mache, dass ich für andere kein Ohr mehr habe, dass ich fühlbar meine Stirn anspanne. Freunde in meinem Alter bekommen einen Tinitus, weil sie das alles nicht mehr hören können, andere quälen sich mit dauernden Verspannungen im Rücken rum. Was ist los mit uns? Burn out heißt die moderne Krankheit – gab es das damals schon bei Papst Eugen III. im 12. Jahrhundert und wie sind die damals damit umgegangen?

Sprecher: Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst. Du fragst an welchem Punkt? An den Punkt, wo das Herz hart wird.

Autor: Ja, ich weiß, was Bernhard meint, wenn er sagt:

Sprecher: Einem harten Herzen ist die Gottesfurcht und das Gespür für die Menschen abhanden gekommen.

Autor: Aber das möchte ich ja gar nicht. Dass ich mein Herz gegen Gott und gegen die Menschen um mich herum verhärte. Ich möchte doch gar nicht hartherzig werden. Was ich dagegen machen kann?

Sprecher: Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen… Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal.

Autor: Danke, lieber Bernhard für Deinen Tipp. Gönne Dich Dir selbst. Das will ich heute versuchen. Zwischendurch einmal kurz anhalten, durchatmen und mich mir selbst gönnen, mich spüren im hier und jetzt. Vielleicht bei einem Kaffee, einem Blick aus dem Fenster, oder einem Spaziergang. Vielleicht mache ich mir auch mal bewusst eine schöne Musik an und höre hin. Vielleicht eine kleine Körperübung. Auf jeden Fall will ich das beherzigen: Gönne Dich Dir selbst.

(Alle Zitate aus: Bernhard von Clairvaus: Rückkehr zu Gott. Die mystischen Schriften, herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Bernardin Schellenberger, Düsseldorf 2006, S.73-77)

Audiobeitrag Bernhard von Clairvaux: Gönne Dich Dir selbst


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