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Wie politisch darf die Kirche sein?
Heute, am 9. Oktober vor genau 20 Jahren fand in der Nikolaikirche in Leipzig das berühmte Montagsgebet mit Pfarrer Christian Führer statt.
Im Anschluss daran demonstrierten rund 70.000 Menschen in der Leipziger Innenstadt gegen das Regime der DDR und für Freiheit in ihrem Land. Sie skandierten Wir sind das Volk! Und riefen immer wieder eindringlich Keine Gewalt! Sie selbst blieben friedlich, zündeten keine Cocktails oder Autos an, sondern lediglich Kerzen und das im Gegenüber zu einem hochgerüsteten Militäraufgebot. Keine Gewalt das war die zentrale Botschaft, die sie aus der Nikolaikirche mitbrachten und die unter den Demonstranten, aber dann auch unter den Sicherheitskräften zündete. In der Rückschau beurteilen Historiker die Leipziger Montagsgebete als Auslöser für die friedliche deutsche Revolution, die zur Wiedervereinigung führte.
Heute, nur knapp zwei Wochen nach der Bundestagswahl frage ich mich: Wie politisch darf und muss Kirche heute eigentlich sein ? Denn immer wieder wenn Kirche sich politisch einmischt, hört man: Das sei nicht ihre Aufgabe.
So wie jüngst erst wieder geschehen. Als Theologen Spitzenmanager für die Wirtschaftskrise verantwortlich machten, wurden sie von der Politik scharf angegriffen. Die Kirche müsse bei ihrem Leisten bleiben, hieß es. Doch welcher Leisten ist gemeint? Geht es für uns in der Kirche lediglich darum, die religiösen Gefühle und Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen oder noch schärfer formuliert: Opium fürs Volk zu sein, das Volk ruhig zu stellen? Ich meine: Nein.
Vielmehr erinnert mich der 20. Jahrestag der Leipziger Montagsgebete daran, dass Jesu Botschaft eben auch eine zentral politische ist, die das Zusammenleben von Menschen in Staat und Gesellschaft verändern kann. Die Forderung Keine Gewalt war ja nicht selbstverständlich, sondern ganz im Gegenteil: eine Folge von Predigt und Gebet. Denn Jesus selbst hatte gesagt: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Heute frage ich mich, um wie viel mehr würde sich unsere Welt verändern, wenn wir als Kirche tatsächlich bei unserem Leisten blieben und Jesus in dem folgen würden, was er uns in der Bergpredigt ins Stammbuch geschrieben hat?
Dann würden wir nicht länger versuchen, die Kirche als ein wirtschaftliches Dienstleitungsunternehmen zu verstehen und zu führen, sondern als eine Gemeinschaft von Gott-Suchenden Menschen.
Wir würden es nicht länger zulassen, dass nur noch die Lautesten und Durchsetzungsstärksten das Sagen haben, sondern würden auf die leisen Zwischen-Töne wieder lernen zu hören.
Wir würden wieder anfangen um Frieden zu beten, anstatt ihn mit Waffen in die Herzen von Menschen hinein zu schießen. Wir würden wieder anfangen die Bibel zu lesen, anstatt uns von den täglichen Schreckensmeldungen zu ohnmächtigen Zuschauern degradieren zu lassen. Wir würden Gott auch in unserem Leben etwas zutrauen, so wie damals vor 20 Jahren die Menschen um Pfarrer Christian Führer in Leipzig.
Wie politisch darf die Kirche sein?
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