Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.09.09, Renate Kirsch

Bertha von Suttner, die Waffen nieder!

Vor 120 Jahren erschien der Roman „Die Waffen nieder!“, den die österreichische Friedenskämpferin Bertha von Suttner geschrieben hat und der der Bestseller des

19. und beginnenden 20.Jahrhunderts wurde und mich auch heute noch beeindruckt.

Lieber Hörer, liebe Hörerin, ich grüße Sie heute morgen aus Oberbayern. Ich bin Renate Kirsch und gehöre zur Evangelischen Kirche

Die Waffen nieder! Sagt´s vielen, vielen! Das waren ihre letzten vernehmbaren Worte auf dem Sterbebett, noch einmal  beschwörend wie in den letzten 25 Jahren ihres Lebens.

Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914, wenige Tage nach ihrem 71. Geburtstag und  keine sechs Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, vor dem sie so heftig gewarnt hatte.

An der Wiege war der Komtesse Bertha Kinsky nicht gesungen worden, dass sie einmal zur weltberühmten Friedenskämpferin heranreifen und schließlich 1905 den Friedensnobelpreis erhalten würde. Am 9. Juni 1843 wurde sie in Prag geboren.
Über die ersten dreißig Jahre ihres Lebens konnte Bertha von Suttner im Rückblick nur den Kopf schütteln. Das hochintelligente junge Mädchen las zwar sämtliche Klassiker, verplemperte aber sonst ihr Leben in der stockkonservativen Wiener Gesellschaft und hoffte auf eine gute Partie, die fand sich aber nicht.

1. MUSIK: Johann Strauss, Anima eterna

Autorin: Als sie dreißig wird, ist Schluss mit Bällen und Empfängen, auch die Glitzerwelt von Baden Baden reizt sie nicht mehr. Ungewöhnlich für ihre Zeit: Gräfin Bertha Kinsky wird Hauslehrerin für die Töchter des Barons von Suttner in Wien. Artur, der jüngste Suttner-Sohn und die sieben Jahre ältere Gräfin verlieben sich. Da  muss sie das Haus verlassen und nach einem neuen Lebensunterhalt suchen. Dabei fällt ihr folgende Zeitungsannonce in die Hand:

SPRECHER ( NOBEL): Ein sehr reicher, hochgebildeter, älterer Herr, der in Paris lebt, sucht eine sprachenkundige Dame, gleichfalls gesetzten Alters, als Sekretärin und zur Oberaufsicht des Haushalts. (M. S.162)

Autorin: Gräfin Kinsky fährt nach Paris. Der ältere Herr entpuppt sich als der 43-jährige Alfred Nobel, vielleicht der reichste Mann seiner Zeit, bestimmt aber einer der einsamsten. Zwanzig Jahre nach dieser ersten Begegnung schreibt Bertha von Suttner an Alfred Nobel, welches Bild sie von ihm hat:

SPRECHERIN (BERTHA v.S.): ... ein Denker, ein Dichter, ein Mensch, bitter und gut, unglücklich und heiter, mit genialem Gedankenflug und schlimmem Mißtrauen. ... ein Mensch, der alles versteht und nichts erhofft. (Br. 29.10.1895; zitiert nach Hamann S.53)

Autorin: Vielleicht hatte er doch etwas erhofft. Die Österreicherin gefällt dem Schweden. In den lediglich acht Tagen, die Bertha bei ihm ist, öffnet der Einsame ihr sein Herz, sucht ihre Nähe, spürt aber ihre unglückliche Liebe zu Artur von Suttner. Die will er ihr ausreden und muss doch hinnehmen, dass Bertha nach einer Woche den Dienst kündigt, um nach Wien in Arturs Arme zu fliehen. 

Und dennoch, diese wenigen Tage in Paris legen den Grundstein zu Bertha von Suttners Friedensarbeit. Alfred Nobel will schon seit Jahren für den Frieden in der Welt arbeiten. Er hasst den Krieg. Und will ihn mit Hilfe seines Dynamits und unter Umständen  mit noch schlimmeren Waffen unmöglich machen. Frieden durch Abschreckung. Das alles legt er der noch etwas ahnungslosen Gräfin auseinander und sie beginnt zu begreifen, welches Lebensziel das sein könnte: Frieden schaffen, Krieg verhindern. Sie werden lebenslang darüber im Gespräch bleiben, Bertha von Suttner wird aber sehr bald dahin kommen, den Frieden durch Versöhnung zu suchen, nicht durch Schrecken und Gewalt. Nobel möchte ihr darin gerne folgen, kann seine Skepsis aber nie ganz überwinden. Oder doch? Sind die fünf Nobel-Preise, in die er am Lebensende sein Riesenvermögen gibt, nicht ein Zeichen, dass er seiner Freundin doch sehr weit gefolgt ist? Zumal der fünfte, der Friedenspreis ganz deutlich die Handschrift der Bertha von Suttner zeigt?

2.MUSIK: E.Elgar.Sospiri op.70

Autorin: Gleich nach der Rückkehr wird aus der Gräfin Kinsky die Baronin Bertha von Suttner. Heimlich lassen sich Artur und Bertha  trauen und fliehen im Juni 1876 ohne Wissen der Familie Suttner in den Kaukasus. Neun Jahre werden sie dort bleiben, erleben Luxus und Hunger, Prachtvilla und Holzhaus, Comfort und Armut in diesem georgischen Land zwischen Europa und Asien. Und sie werden darüber erwachsen, reif und gebildet.

In Europa ging die Kriegsangst um oder auch die Kriegsgier. In Deutschland war der junge Wilhelm II. auf den Thron gelangt, der säbelrasselnd vom Erbfeind Frankreich tönte und  Frankreichs Regierung trachtete  seit bald zwanzig Jahren nach Revanche.
Und so geht Bertha von Suttner nach ihrer Rückkehr 1888 daran, einen Roman vorzubereiten, der den Krieg verdammen und besonders auch Frauen ansprechen sollte. Sie hatte keine eigenen Kriegserlebnisse, aber sie recherchiert fleißig: dickbändige Geschichtswerke, alte Zeitungen, Archivunterlagen, Berichte von Kriegskorrespondenten und Militärärzten studiert sie und lässt sich von Kriegsteilnehmern erzählen.

SPRECHERIN (BERTHA v.S.): Ich wollte nicht nur, was ich dachte, sondern was ich fühlte, leidenschaftlich fühlte, in mein Buch legen können. Dem Schmerz wollte ich Ausdruck geben, den die Vorstellung des Krieges in meine Seele brannte. (M. S.215)

Autorin: Sie wählt die Form einer Autobiographie. Ihre Protagonistin ist die  hochadelige Martha, die  im Verlauf des Romans der Friedenskämpferin Suttner immer ähnlicher wird. Sie erlebt die Kriege, an denen die junge Bertha einst keinen Anteil genommen hatte,  hautnah mit , erlebt das Inferno zerfetzter, verstümmelter, verzweifelter Soldaten. Nichts von Heldentum, nichts von Glorie. Nur verwüstetes Land, zerstörte Familien, entwürdigte Menschen.

Wer hatte je im 19. Jahrhundert so vom Krieg gesprochen oder geschrieben? Und dann auch noch als Frau! Das musste auf die einen schockierend wirken, auf andere – und das waren viele – befreiend. Für die schrieb Bertha von Suttner. Sie wollte, dass ihr Roman zu Herzen ginge. Deshalb verknüpft  sie ihre Friedensgedanken  mit  einer innigen Liebesgeschichte.

SPRECHERIN (BERTHA v. S.): Ich kann versichern, daß die Leiden, durch die ich meine Helden führte, von mir selber während der Arbeit mitgelitten wurden.  (M. S.215)

Autorin: Das macht ihren Roman so authentisch, das erklärt seine große Wirkung, Er erlebte viele Auflagen, wurde  in alle Kultursprachen übersetzt. Es war jedoch zunächst nicht leicht gewesen, 1889 einen mutigen Verleger für einen Roman mit der Parole: Die Waffen nieder! zu finden.

3. MUSIK: E.Elgar, Sospiri op. 70

Autorin: Beinahe über Nacht wurde Bertha von Suttner zur bekanntesten Frau ihrer Zeit. Die einen zerrissen sich das Maul über die ungewöhnliche Friedenskämpferin, veröffentlichten bittere Karikaturen über die „Friedensbertha“ oder schmiedeten böse Verse über sie. Andere aber lobten sie und schrieben Anerkennendes. So auch ihr Freund Alfred Nobel:

SPRECHER (NOBEL): Liebe Baronin und Freundin!  Ich habe soeben die Lektüre Ihres bewunderungswürdigen Meisterwerks beendet. ... Gewiß gibt es nicht eine [Sprache], in die Ihr köstliches Werk nicht übersetzt, in der es nicht gelesen und durchdacht werden sollte. Wieviel Zeit mag es Sie gekostet haben, dieses Wunderwerk zu verfassen?      (M. S. 219) 

Autorin:
An Leo Tolstoi, den russischen Friedensfreund, schickte sie eine russische Übersetzung ihres Romans und er antwortete in einem Brief, der sie sehr stolz machte:

SPRECHER (TOLSTOI): Ich schätze ihr Werk sehr ... Der Abschaffung der Sklaverei ist das berühmte Buch einer Frau, Frau Beecher-Stowe [Onkel Toms Hütte], vorausgegangen; Gott gebe es, daß die Abschaffung des Krieges Ihrem Buch folge ...   (M: S. 240)

Autorin: Durch den Romanerfolg wurde Bertha von Suttner mehr und mehr zur Friedensagitatorin. Reiste, redete, warb und propagierte unermüdlich für die Sache des Friedens. Trat auf internationalen Friedenskonferenzen als Rednerin auf – zunächst mit zitternder Stimme, dann immer souveräner. Trieb Gelder für den Frieden auf und hielt beeindruckende Reden auf ihrer USA-Reise und in vielen deutschen Städten bis ins 70. Lebensjahr hinein.

4. MUSIK ( kurz): E.Elgar,Sospiri op.70

Autorin: Was hatte Bertha von Suttner mit der Kirche zu tun? Sie wurde in eine erzkonservative Katholische Kirche Österreichs hineingeboren, die wie die Gesellschaft überhaupt am Überkommenen festhielt , die modernen Naturwissenschaften für gottlos hielt und Kritik an sozialen Verhältnissen für gotteslästerlich. Diese Kirche konnte weder der kleinen Bertha, noch der erwachsenen Frau  eine Heimat bieten. „Ich kann Gott nicht denken“, bekannte sie:

SPRECHERIN (BERTHA v.S.): ... nicht Stolz, nicht Vermessenheit, nicht satanische Hoffahrt ist es, wenn man von Gott spricht „ich kann ihn nicht denken“, sondern Demut, tiefe, aufrichtige, wahre Demut.      (Inventarium, zitiert nach Hamann, S.76)

Autorin: Jesus, das menschliche Antlitz Gottes, ist ihr niemals nahe gebracht worden. Sie konnte Gott nicht „Vater“ nennen. Denn sie erfuhr nur von dem „Gott, der Eisen wachsen lässt“, dem die Truppen geweiht wurden, der in Kriegszeiten angerufen wurde, die Feinde zu verderben und den eigenen Soldaten den verdienten Sieg zu schenken. Das alles kam ihr bigott und widersinnig vor. Im Roman „Die Waffen nieder“ muss sich die Heldin Martha seitenlang die Ausführungen eines protestantischen preußischen Oberpfarrers anhören, der mit dem Alten Testament in der Hand Kriege als gottgegeben, sogar gottgeboten anpreist. Martha schüttelt es.

Bertha von Suttner war ganz und gar keine Atheistin. Sie musste sich aber von den Fesseln befreien, die ihr die Kirche ihrer Zeit – sei sie nun katholisch oder evangelisch -  anlegte. Darum nannte sie sich Freidenkerin. Frei musste sie sein und auf ihre Weise „rücksichtslos“, um alle ihre Kräfte für die Friedensarbeit einsetzten zu können. Sie hätte sich selber nie so genannt, aber ich zähle sie zu den seliggepriesenen Gotteskindern. Sie suchte den Frieden und jagte ihm nach (Psalm 34,15) mit Leidenschaft und Zähigkeit.  Jesu Wort aus der Bergpredigt ist auch ihr gesagt: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. (Mt. 5,9)

MUSIK:  E.Elgar, Sospiri op.70  (kurz freistehend), dann unterlegen:

Autorin: Liebe Hörerin , lieber Hörer, ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag, Ihre Renate Kirsch aus Brannenburg am Inn. Übrigens: Vergessen Sie nicht, wählen zu gehen. Bertha von Suttner war das noch nicht möglich. Erst fünf Jahre nach ihrem Tod – 1919 – durften Frauen in Österreich und Deutschland nach harten Kämpfen zum ersten Mal wählen. Das ist nun 90 Jahre her! Soviel zum Wahlsonntag.

MUSIK

Literatur:
Bertha von Suttner:
Die Waffen nieder,1889, hrsg. Von Sigrid und Helmut Bock, Verlag der Nation Husum, 2.Auflg. 2006
Memoiren, 1909,neu herausgegeben von Fritz Böttger unter dem Titel Erinnerungen, Verlag der Nation Berlin, 5.Auflg.1976. Zitiert als M
Brigitte Hamann, Bertha von Suttner. Ein Leben für den Frieden, Piper Verlag München 1986, 3.Auflg. Als TB 2006
Zitat aus B.v.Suttner: Inventarium einer Seele, 1883 (Inventarium) aufgefunden bei Brigitte Hamann, zitiert als „Hamann“:

Musik:
1. Johann Strauss, Anima Eterna. Perpetuum Mobile RV257-2 J.van Immerseel.   FF0506
2. E.Elgar, Sospiri op.70, Isabelle van Keulen, Violine; Ronald Brautigam, Klavier. CC 72171

Audiobeitrag Bertha von Suttner, die Waffen nieder!


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