| |
Sorgt euch nicht
Sorget nicht um euer Leben ... , sehet die Vögel unter dem Himmel an, wer könnte seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen?..., trachtet zuerst nach dem Reich Gottes!
So haben wir gehört aus dem Evangelium dieses Sonntages.
Liebe Gemeinde, Auf Amrum wird kein Fahrrad geklaut! Das rief mir einmal ein Inselbewohner zu. Ich hatte voll Sorge um mein neues Fahrrad gerade das Bügelschloss befestigt. Wir sind diesem Satz in meiner Zeit als Kurpfarrer dort mehrfach nachgegangen. Die Aussage stimmte. Wir fanden auch eine Erklärung, warum das so ist: Auf dieser Insel lebten nur Menschen, die ihr Auskommen hatten sei es als Bewohner oder als Feriengäste. Es gab keine Armut. Niemanden also, der auf solche Formen der Bereicherung angewiesen gewesen wäre.
Dieser Zustand hat in der Tat viel mit dem zu tun, worum wir uns als Christinnen und Christen bemühen sollen. Wir sollen die Lebensverhältnisse so gestalten, wie es der Rechtsauffassung Gottes entspricht. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit: Und da hat eben jede und jeder, was er oder sie braucht, um ein selbstverantwortetes Leben zu gestalten; da gilt den Armen besondere Aufmerksamkeit. Da leben Menschen in umfassendem Frieden. Die Feststellung, die wir mit diesem Lebensmodell machen können lautet immer wieder: Es ist genug da für alle!
Wir begehen heute den Weltkindertag. Wir haben gehört, immer mehr Kinder in unserem reichen Land leben in Armut. Vor allem sind es die Kinder von alleinerziehenden Müttern oder Väter oder arbeitsloser Familien. Da gibt es die Kinder, deren Eltern das Geld für die warme und gesunde Mittagsmahlzeit nicht aufbringen können. Da reicht es nicht, um die Einschulungssachen zu kaufen. Weltweit sieht es noch viel schlimmer aus. Wir wissen, dass unser Bildungssystem immer weniger durchlässig ist für solche, deren Familie keinen guten Platz in unserer Gesellschaft hat. Wir wissen, dass bei uns im internationalen Vergleich in den Schulen viel zu früh ausgesiebt wird, dass ein längerer gemeinsamer Unterricht hier helfen könnte. Nein, unsere Gesellschaft schottet sich immer mehr ab. Die Reichen halten den Reichtum und ihren sozialen Status fest. Die Barrieren für die Armen werden immer größer. Die Weltwirtschaftskrise wird sich hier noch verstärkend auswirken. Gott sei Dank gibt es inzwischen viele, auch kirchliche Initiativen, die hier helfen. Da gibt es Hilfen für die Schulausstattung, Hausaufgabenhilfe und ein warmes Essen in freundlichen Räumen. Aber hier ist auch politisches Engagement gefragt. Kommenden Sonntag sind Wahlen. Gehen wir hin, machen unser Kreuz und beurteilen die Parteien eben gerade auch danach, inwieweit sie sich für bessere Chancen und die Teilhabe gerade der Armen in unserem Land einsetzen.
In der Tat: Wenn wir unsere Energie auf die Schaffung solcher Verhältnisse richten, dann wird jeder und jedem zufallen, was er oder sie braucht. Gott hat ja die Welt so eingerichtet, dass wir das alles haben können. Es ist genug für alle da.
Chor: Lean on me 1
Ein Unternehmer sagte mir einmal: Mehr als ein Kotelett kann ich auch nicht essen. Er traf damit auf eine zweite wichtige Botschaft aus unserem Text. Mit all unseren Mühen, mit unseren Geldgeschäften, mit unserem Verdienst können wir nichts dafür tun, dass wir auch nur ein paar Zentimeter größer werden. Hier werden uns die Grenzen unserer Mühen aufgezeigt. Es gibt wesentliche Dinge, die wir mit noch so viel Geld nicht kaufen oder verändern können. Die Sorge, die Vorsorge für unser Leben wird ja nicht abgelehnt. Auch der hier so gerühmte Vogel baut ja ein Nest und engagiert sich sehr für die Nahrung seiner Jungen. Diese Chance müssen in unserer Gesellschaft im Übrigen alle erhalten. Das geschieht am besten durch die Schaffung von Arbeitsplätzen. Wenn das nicht mehr für alle gelingt, dann muss es ein das Leben sicherndes Grundeinkommen oder andere Modelle der sozialen Sicherung geben. Es muss auch gesichert sein, dass der Lohn der Arbeit ausreicht, um mein Lebenshaus zu bauen. Deshalb wird es Mindestlöhne oder ähnliches geben müssen. Das alles nicht nur für uns, sondern erst recht für die Ärmsten auf der Welt, z.B. in Afrika. Im Moment verhindern unsere Zoll- und Handelsabkommen, dass sie solche Chancen bekommen. Ein Grund für die unvorstellbare Armut dort!
Dennoch: Es geht darum, auch zu wissen, dass wir die Grenzen solcher berechtigter und notwendiger Aktivitäten erkennen. Sie sichern unser Leben nur bis zu einem gewissen Grad. Es gibt zum Glück noch einen Mehrwert zur Sicherung des Lebens. Dieser Mehrwert ist, dass wir in unserem Leben letztlich einem anderen, Gott, vertrauen können. Er hat es ja geschaffen. Er schenkt mir jeden neuen Atemzug, jeden Herzschlag, meinen Verstand. Es lässt mich jeden Morgen neu aufwachen. Wenn wir beides zusammenbringen, geht das vielleicht so: Da bete ich am Morgen um mein Auskommen, um genug Kraft, um Gesundheit. Und das ist in Ordnung. Am Tag tue ich meinen Teil dafür mit meinem Engagement. Mit dem Mehrwert des Glaubens, des Vertrauens kann ich dann vielleicht abends auch singen und beten: Ich liege und schlafe ganz in Frieden denn du allein, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne. Oder, bekannter, mit Paul Gerhardt: Sing, bet und geh auf Gottes Wegen. Verricht das Deine nur getreu. Und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.
Chor: Lean on me 2
Mein Leben verdanke ich letztlich einem anderen. Ich weiß um die Grenze dessen, was ich machen und sichern kann. Ich kann aufhören, alles selbst in die Hand nehmen zu müssen. Ich muss nicht raffen und schaffen bis die Schöpfung ausgebeutet und ihre Güter bei nur wenigen angehäuft sind. Ich kann aussteigen aus dieser zerstörerischen Weise zu leben. Ich übergebe mein Leben und meine Sorgen Gott, der mich atmen lässt. Ich werfe meine Sorgen auf ihn. Martin Luther sagt: Wer aber nicht lernet solch Werfen, der muss bleiben ein verworfener, zerworfener, ausgeworfener, abgeworfener und umgeworfener Mensch.
Und wirklich: Hier in Altena haben wir erfahren, wie dem großen Rückbau kirchlicher und kommunaler Strukturen ein Aufbruch gefolgt ist. Diese Stadt hatte den größten Einwohnerverlust in Nordrhein-Westfalen zu verkraften. Die Enge der Täler verhinderte einen Ausbau der Industrie. Stadt und Kirchengemeinde haben sich dieser Herausforderung gestellt. Wir haben Pfarrstellen und kirchliche Gebäude reduziert. Es waren harte Jahre; Jahre mit Angst und Depression. Dann haben wir diese älteste Kirche wunderschön renovieren können. Menschen haben sich entschieden zum Aufbruch und zur Hoffnung, für das Vertrauen. Nachbargemeinden arbeiten zusammen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in einer Nachbargemeinde empfangen wurde und die das selbstgedichtete Lied sangen: Wir stehen auf. Wir stehn´ auf Kirche. Und als wir diese Kirche wieder eingeweiht haben, da kamen sie herüber mit ihrem Posaunenchor. Was war das für eine Freude, als wir den neu gestalteten Kirchenraum wieder in Besitz nahmen! Ein Symbol der Zuversicht! Heute erleben wir hier in Altena einen zunehmenden Gottesdienstbesuch, Aufbruchsstimmung, Lebendigkeit. Die Christen setzen sich auch ein für die Weiterentwicklung einer sozialen Stadt, für Integration. Die Verhältnisse und ihre Sicherung zehren sie nicht mehr auf. Sie kommen fröhlich zusammen.
Wir können alle zurückblicken auf das, was gelang in deinem und meinem Leben, was wir nicht selbst geschafft und erreicht haben. So wird, um Jesu willen, unsere Zukunft sein. Wir kommen von Gott. Wir ruhen in Gott. Wir gehen zu Gott. Nichts und niemand kann uns von seiner Liebe trennen. In dieser Grundhaltung hat dann auch unser Sorgen seinen berechtigten Platz. Johannes Calvin schreibt: Denn der unserem Leben seine Grenze gesetzt hat, der hat uns zugleich die Sorge darum anvertraut, hat uns Verstand und Mittel gegeben, es zu erhalten. Amen.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 04.10.2009 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev.-reformierten Kirche in Bad Meinberg übertragen. Die Predigt hält Pfarrerin Heike Stijohann.
|