Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.09.09, Pfarrer Ulrich Haag

Kopfkino

Sehr geehrter Herr Pfarrer, ich schreibe ihnen wegen meiner Tochter, sie hat mir versprochen, am vergangenen Dienstag zu Besuch zu kommen.

Jetzt ist schon wieder Samstag und ich warte. Die ganze Woche bin ich nicht aus meiner Zelle gegangen - für den Fall, dass die Besuchsabteilung mich aufruft. Ich mache mir große Sorgen, sie ist erst 15 und lebt im Heim, seit ich in Haft bin. Ich habe Angst, dass ihr etwas passiert ist. Anrufen darf ich sie von hier nicht. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie schlimm das ist, wenn man wartet, aber es kommt niemand und man bekommt auch keine Nachricht.

Guten morgen liebe Hörerinnen und Hörer – Samstag im Gefängnis, das heißt: Die Türen bleiben zu. Nur zum Essenfassen öffnen sie sich für ein paar Sekunden. Und zur Freistunde. Ansonsten sind die, die hinter den Türen ausharren, sich selbst überlassen. Sind allein mit ihren Sorgen, mit ihrer Angst. 23 Stunden am Tag. Zwei Tage, an langen Wochenenden vier, fünf Tage am Stück. Und die Sorgen sind groß. Nicht selten sind die Häftlinge in der Untersuchungshaft überraschend, von der Straße weg verhaftet worden. Dann haben sie vor dem Haftrichter die Möglichkeit, noch ein Telefonat zu führen. Wenn unter der gewählten Nummer niemand zu erreichen ist, bleiben sie in den ersten Tagen, gar Wochen auf der Zelle völlig ohne Nachricht von ihren Angehörigen.

Plötzlich aus allem herausgerissen zu werden ist für viele wie Sterben. Da kann es jedem passieren, dass er von jetzt auf gleich „geholt“ wird. Ich kann das Hinterlassene nicht ordnen. Muss meine Familie sich selbst überlassen oder anderen. Die Worte, die Jesus am Kreuz gesprochen hat, haben für viele Gefangene eine sehr plastische Bedeutung: Dies ist von nun an dein Sohn, sagt er zu seiner Mutter Maria. Dies ist von nun an deine Mutter, sagt er zu dem Jünger, den er lieb hatte. Jesus vertraut die Menschen, die er zurücklässt, der Obhut eines anderen an.

Denen, die hinter verschlossenen Türen sitzen, ist das häufig nicht vergönnt. Und die Phantasien, was den Kindern, den Eltern, der Frau draußen alles zugestoßen sein könnte oder noch zustoßen mag, wachsen von Stunde zu Stunde. „Kopfkino“ nennen das die Gefangenen, Bilder im Kopf, die man nicht loswird, ob bei Tag oder nachts mit geschlossenen Augen. Angst, für die es keinen Ausschaltknopf gibt. Was tun dagegen? Spazieren gehen? Nicht auf 4 Quadratmetern Zelle! Mit anderen reden? Die haben die gleichen Sorgen, das wirkt nur ansteckend. Hier und da kann der Pfarrer Linderung bringen, indem er selbst das Telefonat führt, das dem Gefangenen verwehrt ist. Ist die Nachricht positiv, hellt sich die Miene des Betroffenen auf. Doch nicht für lange. Schon nach wenigen Tagen hat die Panik ihr Opfer wieder fest im Griff.

Erstaunlich, doch gegen die Angst gibt es ein Mittel, das hilft. Und das heißt beten. Viele der Gefangenen haben schon lange kein Gebet mehr gesprochen. Die Not lehrt sie neu. Wohl kaum irgendwo wird so intensiv gebetet, wie hinter Gittern. Und nirgendwo bisher wurde mir so deutlich, wie wertvoll es ist, das, worum ich mich sorge, in Gottes Hand legen zu dürfen. Das gilt nicht nur für die, die in Not geraten sind. Ob frei oder im Gefängnis – der Einfluss, den ich auf meine eigenen Geschicke habe und die Geschicke meiner Mitmenschen - ist doch sehr gering.

Gott, was immer geschieht - lass gutes daraus wachsen. Geh mit denen, die ich liebe. Steh denen bei, die in Not sind. Bleib bei ihnen, bei uns und bei allen und umhülle uns mit deinen Segen.

 

Audiobeitrag Kopfkino


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