Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.09.09, Pfarrer Ulrich Haag

Lebenslänglich

Sehr geehrter Herr Pfarrer, endlich habe ich meine Einzelzelle. Eineinhalb Jahre habe ich auf einer Doppelzelle gelegen, sie wissen ja,

man durfte mich am Anfang meiner Haftzeit nicht alleine lassen. Nun ist es soweit. Allerdings, einen Nachteil hat meine neue Unterkunft: Sie ist eng, viel kleiner als die Mehrmannräume. Das macht mir zu schaffen. Es ist eben doch eine Gefängniszelle. Trotzdem: Bitte kommen Sie einmal bei mir zu Besuch.

Es gibt Zellen, liebe Hörerinnen und Hörer, die sind nur 6 qm groß. Ein Bett, ein Spind, Stuhl, Tisch, die Schüssel für die Notdurft, ein Waschbecken füllen sie nahezu vollständig aus, es bleiben gut ein mal ein Meter, um sich bewegen zu können. Was macht es mit einem Menschen, der zwanzig Jahre in einer solchen Zelle lebt und weitere 20 Jahre vor sich hat? Allein zwischen Gitter, Betonwand und Stahltüre mit eineinhalb Quadratmetern Bewegungsspielraum.

Es gibt Gefangene, die werden dabei taub. Ihre Haut wird käsig und unempfindsam. Manche werden kurzsichtig. Schauen nicht mehr hin, weil sie jeden Tag das gleiche sehen. Bei anderen schlägt das, was nicht raus kann aus ihnen, nach innen, aufs Herz.

Es gibt auch Häftlinge, die haben ihre Zelle in jahrelanger Kleinarbeit zu einem zu Hause umfunktioniert, einem Refugium. Der Stolz, mit dem sie den Pfarrer als Gast auf dem Haftraum empfangen, ist zwiespältig: Wer will schon wirklich zu Hause sein an diesem Ort, wo jede Regung kontrolliert, jeder Schritt überwacht und jede Idee reglementiert wird.

Freiheitsentzug heißt, dass ich unablässig an meine Grenzen stoße. Ich kann nicht gehen, wohin ich will. Ich kann nicht tun, was ich will, lassen auch nicht. Kochen, Duschen, das Gespräch mit einem Nachbarn - selbst für die einfachsten Verrichtungen brauche ich jemanden, der erlaubt, aufschließt, wieder zuschließt. Der Beton, die Gitter, die Stahltüren werden zu einer Art zweiten Haut, ein Panzer, der behindert, einspannt, zur Unbeweglichkeit verdammt.

Der Apostel Paulus kannte das. Er war mehr als einmal in Gefangenschaft. Vielleicht behauptet er deshalb, auch das normale Leben sei ein Eingesperrtsein. Wir sind in diesem Leben nicht zu Hause, schreibt er einmal. Unser Körper ist nichts als eine erbärmliche Hütte, die uns beschwerlich ist, uns einengt und langsam verfällt. Alles, was lebt, ist der Vergänglichkeit unterworfen. Wir sehnen uns danach, zur Freiheit zu gelangen, die Gott seinen Kindern verspricht.

Hört man Paulus reden, dann haben wir alle Lebenslänglich. Sind eingesperrt unter Bedingungen, die wir freiwillig nie gewählt hätten. Wir haben uns mit den Zwängen nur arrangiert. Eine Zeit lang mag das sogar so gut gelingen, dass wir sie nicht spüren. Doch spätestens, wenn mein Leib, diese Hütte verfällt, spüre ich schmerzhaft, wie weit meine Träume entfernt sind und wie eng das Korsett, in das mich die Schöpfung gesteckt hat.

Nirgendwo wohl werden die Freiheitsworte des Apostels Paulus so bereitwillig aufgenommen, wie im Gefängnis. Aber: dieses Leben ist nicht das ganze Leben. Es kommt der Tag, da werden wir entlassen, da öffnen sich die Türen und wir treten in die Freiheit, die strahlende Freiheit, die Gott seinen Kindern verspricht. Allen. Ist das eine Vertröstung? Nein, es ist die Wahrheit. Und die macht uns frei. Heute schon.

Audiobeitrag Lebenslänglich


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen