Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.09.09, Pfarrer Ulrich Haag

Erlösung

Sehr geehrter Herr Pfarrer, sie haben es wahrscheinlich in der Zugangskartei gelesen: Ich bin wieder da.

Alle begrüßen mich wie einen alten Bekannten, der nach Hause zurückkommt. Wenn sie mich sehen, Herr Pfarrer, bitte zeigen Sie, dass sie enttäuscht von mir sind. Dann merke ich wenigstens, dass ich trotz allem nicht hier her gehöre.

Vor fünf Monaten bin ich entlassen worden. Damals habe ich mir geschworen: Du wirst ein anderer Mensch. Ich habe es versucht. Ich habe mir Mühe gegeben. Habe die Ratschläge aus der Therapie beherzigt. Aber schon nach ein paar Wochen bin ich ins Schwimmen gekommen, habe den Boden unter den Füßen verloren. Nun stehe ich wieder ganz am Anfang.

Liebe Hörerinnen und Hörer - für die Gefangenen, mit denen ich spreche, ist die Beteuerung „Ich werde ein neuer Mensch“, mehr als eine Redensart. Alle Hoffnung auf ein neues Leben verbindet sich mit diesem Vorsatz. Und Angst. Angst, es eben doch nicht zu schaffen. Viele Gefangene haben das erlebt: ein guter Wille und selbst größte Entschlossenheit reichen oft nicht aus. Gerade in den Momenten, in denen es darauf ankommt, können sie mich im Stich lassen. Eine kleine Unachtsamkeit, eine Disziplinlosigkeit kann genügen – und von einem Augenblick auf den andern ist alles zunichte gemacht, was ich vorher mit so viel Standhaftigkeit aufgebaut habe.

Ich möchte ein anderer Mensch werden, bleibe aber doch der alte. Man muss nicht im Gefängnis sitzen, um mit sich selbst diese Erfahrung zu machen. Bei mir sind es abendliche Fressattacken und verletzende Rechthabereien, die ich gleich darauf bereue. Sie machen mir schmerzhaft bewusst: Ich werde getrieben und bin blockiert von Kräften in meinem Innern, die ich erst im Laufe meines Lebens zu verstehen lerne und nur mühsam gebändigt bekomme.

Das Gefühl, sich selbst ausgeliefert zu sein, kannte auch der Apostel Paulus. An die Gemeinde in Rom schreibt er: Ich habe keine Kontrolle über das, was ich tue. Was ich will, das tue ich nicht. Im Gegenteil, was ich hasse, das tue ich. Ich will das Gute wohl, aber es gelingt mir nicht, es in die Tat umzusetzen. Ich bin ein verlorener Mensch und sehne mich nach Erlösung. Sehne mich nach dem Tag, an dem ich  meiner eigenen Zwiespältigkeit befreit werde, erlöst werde.

Erlösung! Es ist nicht in erster Linie die Erlösung aus der Haft, nach der sich die Gefangenen sehnen. Es ist die Erlösung von sich selbst, wie sie der Apostel Paulus in Aussicht stellt.

Wohl kaum irgendwo sonst werden seine Hoffnungsverse so bereitwillig angenommen, wie im Gefängnis. Von Menschen, die wieder einmal an dem Punkt stehen, wo sie mit sich selbst am Ende sind. Erlösung: Da ist jemand, der ist in der Lage, mich von den Zwängen frei zu machen, aus denen ich mich selbst nicht lösen kann. Es gibt einen, der die alten Geschichten, in die ich heillos verstrickt bin, auflösen will, in Wohlgefallen auflösen wird.

Ein anderer Mensch werden? Das ist dann gar nicht mehr nötig. Erlöst, das heißt: Ich darf endlich ich selbst sein. Und werde zu dem, den Gott gemeint hat, als er mich ins Leben rief.

Audiobeitrag Erlösung


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