Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.09.09, Pfarrer Ulrich Haag

Unrechtsurteil

Sehr geehrter Herr Pfarrer – gestern wurde mein Urteil gesprochen, vielleicht haben sie es in der Zeitung gelesen.

Als der Richter die achteinhalb Jahre verkündete, war das, als hätte jemand einen Schlag in meine Magengrube gelandet. Ich habe ihnen erzählt, dass ich die Tat, die sie mir vorwerfen, nicht begangen habe. Doch nun wünsche ich mir, es wäre anders. Dann hätte es wenigstens einen Sinn, dass ich hier bin, es käme etwas zum Ausgleich. Das könnte ich meiner Frau und meinen Kindern erklären. Aber so? Jeder einzelne Tag, den ich hier eingesperrt bin, richtet eine Verwüstung in mir an, zerstört ganze Landschaften meiner Seele. Ich sitze auf meiner Zelle und weiß nicht wohin mit meiner Wut, meiner Trauer und Ratlosigkeit. Weiß nicht, wohin mit mir selbst.

Guten morgen Liebe Hörerinnen und Hörer – immer wieder gibt es Häftlinge, die mir solche Briefe schreiben. Die Ihre Unschuld beteuern, sich unschuldig fühlen. Und manchmal sind sie es auch. Dessen ist sich aber jeder Richter bewusst: Er kann irren – obwohl er sein Urteil nach bestem Wissen und Gewissen spricht.

Für mich zählen die Gespräche mit Gefangenen, die von sich behaupten, zu Unrecht verurteilt worden zu sein, zu den schwersten. Wie gerne würde ich die Wahrheit herausfinden und dann für Gerechtigkeit sorgen. Den Fall neu aufrollen, ein Urteil erreichen, von dem sich mein Gegenüber gerecht behandelt fühlt. Doch haben die Gerichte ein Urteil einmal endgültig gesprochen und bestätigt, ist es praktisch nicht wieder rückgängig zu machen. Es bestimmt abschließend darüber, wie der Mensch, dem es gilt, die nächsten Jahre seines Lebens verbringt.

Nicht nur im Gefängnis finden sich Menschen, die Unrecht leiden. Genau besehen spricht das Leben jedem von uns irgendwann einmal ein Fehlurteil. 40 Jahre gesund gelebt, immer auf die Ernährung geachtet, Sport getrieben – und nun mit unheilbarer Diagnose auf der Station in der Klinik. Meine Kinder behütet und zugleich zu selbständigen jungen Menschen erzogen – und nun ein tragischer Unfall, bei dem der älteste ums Leben kommt. Immer für andere da gewesen, mich mit meinen Mitmenschen verstanden – und nun Opfer einer Gewalttat. Warum ausgerechnet ich? Warum das? Und wieso lässt Gott das zu?

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen! Das sind die Psalmworte, die Jesus am Kreuz betet, seufzt, herausschreit. Auch er muss ein Unrechtsurteil erleiden, einen sinnlosen Tod. Wenn ich auf ein Kreuz schaue, in einem Andachtsraum, in meinem Büro, erinnert es mich immer daran, dass Gott einem Menschen mitunter etwas zumutet, was nicht mehr in Einklang zu bringen ist mit der Vorstellung von einem liebenden, barmherzigen, freundlich zugewandten Gott. Gott kann sich auch abwenden. Gott kann einen Menschen auch eine Zeit lang sich selbst überlassen. Und manchmal mutet er uns Unbegreifliches zu.

Woher nur nimmt Jesus die Kraft, in einem solchen Moment trotzdem noch zu Gott zu sprechen? Noch am Kreuz, in tief empfundener Gottverlassenheit, umgeben von Finsternis, - daran festzuhalten, dass Gott sich rufen lässt, bitten lässt, hört. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Für einen Gefangenen, den ich lange Zeit begleitet habe, ist dieser Satz der wichtigste geworden: Ich bin so tief in Unrecht verstrickt, Herr Pfarrer, in das was ich getan habe und die Ungerechtigkeit, die mir widerfährt. Doch wenn ich dieses Wort Jesu nachspreche, kommt es mir vor, als wäre Gott, den ich eben noch weit weg vermutet habe, mit einem mal ganz nah. Es ändert sich nichts an den Umständen, unter denen ich hier lebe, leben muss. Ich bleibe gefangen. Und doch fühle ich mich wie befreit.

Audiobeitrag Unrechtsurteil


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