Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.09.09, Pfarrer Ulrich Haag

Signale

Herr Pfarrer, ich muss Sie dringend sprechen. Ich habe Angst, dass meiner Freundin etwas passiert ist. Die Staatsanwaltschaft hat mir jeglichen Kontakt zu ihr untersagt.

Die wollen mich weich kochen - das ist ein anders Thema. Aber meine Freundin und ich haben einen Weg gefunden, um doch Kontakt zu halten. Jeden Tag nach Feierabend fährt sie auf dem Weg nach Hause auf der Straße hinter der Gefängnismauer entlang und drückt drei Mal auf die Hupe, immer so zwischen viertel nach fünf und halb sechs. Vorgestern habe ich habe es geschafft, mich auf Zelle 217 verlegen zu lassen – ans Ende des Flurs, direkt an der Mauer. Doch seitdem höre ich nichts mehr von meiner Freundin. Schon ab fünf Uhr stehe ich am offenen Fenster, lausche.  Warte bis halb sechs, bis sechs, verfluche jedes Geräusch, das ihr Signal übertönen könnte. Nichts.

Ich habe Angst, dass ihr etwas zugestoßen ist. Noch mehr Angst, dass sie einen anderen haben könnte. Die Ungewissheit über das, was da los ist, macht mich verrückt. Ich mache nachts kein Auge mehr zu und denke nur noch daran, was draußen wohl passiert sein könnte. Wenn ich nur einmal mit ihr telefonieren könnte, ihre Stimme hören, dann wäre alles andere unwichtig. Dann könnte mir auch hier drinnen nichts mehr etwas anhaben. Aber so… Das einzige, was ich von ihr habe, ist die Erinnerung – an ihre Haut, ihre Stimme, ihre Worte. Aber diese Erinnerung wird von Tag zu Tag blasser…

Für jeden und jede von uns, liebe Hörerinnen und Hörer; gibt es eine Welt, von der wir durch Mauern getrennt sind. Diese Welt jenseits der Grenzen, die uns umschließen, ist für uns die eigentlich entscheidende. Wir hoffen auf ein Signal aus dieser Welt, hoffen, dass sich von dort jemand zu erkennen gibt. Doch die Zeichen, die wir empfangen, sind spärlich. Nicht selten bleiben sie aus.

Es gibt Gefangene, die brechen ihre Kontakte zur Außenwelt aus diesem Grunde ab. Sie halten die Ungewissheit nicht aus. Das Warten nicht, weil es oft genug vergeblich ist.. Und den auch Schmerz nicht, weil am Ende die Enttäuschung stehen könnte.. Wie gut ich sie verstehen kann! Und doch gibt es hinter Gittern keine andere Möglichkeit, als die, zu vertrauen. Zu hoffen. Fest damit zu rechnen: Ich gehe auf die Tür zu, die in die Freiheit führt. Und hinter dieser Türe wartet ein Mensch auf mich, der mich liebt. Monatelang oft sind es nicht mehr als Erinnerungen, die einem Gefangenen Halt geben.

Auch auf unseren Durststrecken sind es die Erinnerungen. Erinnerungen von Menschen vor uns, die tatsächlich einmal eine Nachricht aus der Welt jenseits unserer Mauern erhalten haben. Es sind Erinnerungsgeschichten, von Brotvermehrungen, Krankenheilungen. Von Verheißungen, auf die wir unsere Hoffnung setzen. Gebote und Weisungen, nach denen wir uns richten. Wir mühen uns, aus diesen Erinnerungen Kraft zu schöpfen und an der Hoffnung fest zu halten. Doch wie viel stärker wäre für nur ein einziges Wort aus dem Munde Gottes, eine Offenbarung, eine direkte Begegnung mit ihm. Wir warten lange darauf. Wir bleiben allein. Es gibt Tage, an denen wir nur noch Mauern um uns her sehen. Dann brauchen wir die Hilfe anderer, deren Erinnerungen frischer sind. Die noch begeistert von einer Begegnung erzählen können. Die die richtigen Worte finden, um mit Gott wieder ins Gespräch zu kommen. Wenn das geschieht, kommt über der Mauer der Horizont in Sicht.

Wie bei dem jungen Mann von Zelle 217. Ich habe seine Freundin telefonisch erreicht. Ein kurzes Gespräch ergab: Der Wagen ist in Reparatur. Zwei Tage später war das Signal wieder zu hören. Und die Welt diesseits der Mauer war wieder in Ordnung.

 

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