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Richtet nicht
Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer, ich arbeite als Pfarrer in einer Justizvollzugsanstalt.
Dort sitzen ständig etwa 200 Häftlinge ein, die auf ihren Prozess oder ihr Urteil warten. Untersuchungshaft nennt man das. Um die 600 Häftlinge haben ihr Urteil bereits erhalten und verbüßen ihre Strafe. Und alle Insassen haben damit zu schaffen, dass über sie gerichtet wird. Oder schon gerichtet worden ist. Und fast allen, denen ich täglich begegne, macht ihr Urteil zu schaffen. Denn es verurteilt nicht nur die begangenen Taten, sondern es beurteilt auch die Persönlichkeit derer, die es trifft. Was das Gericht da über mich schreibt, wird meiner Person nicht gerecht. Es stimmt nicht. Es ist oberflächlich. Es macht mich schlechter als ich bin. Es verletzt mich. Solche Sätze höre ich täglich.
Ob das der Grund ist, warum im Gefängnis manche Gefangene besonders unbarmherzig dann auch über andere urteilen? Nein. Wenn ich genau hinsehe, geht es draußen auch nicht barmherziger Der Familienstreit in der Wohnung gegenüber wird genüsslich mit der Nachbarin von eins höher besprochen. Wie es bei denen zugeht! Kein Wunder, dass die Kinder so verstört sind. Über den schweigsamen Kollegen von der Poststelle ist sich die übrige Belegschaft längst einig: Der hat schon als Junge nicht mit den andern gespielt. Selbst unter Geschwistern, selbst vor den Kirchentüren macht das abschätzige Reden und Urteilen über andere nicht halt.
Es gehört wohl unabänderlich zum Menschen, dass er die Angst vor dem eigenen Versagen zu beschwichtigen versucht, indem er sich das Versagen seiner Mitmenschen vor Augen hält. Jeder von uns hat eine Art Ankläger im Ohr sitzen oder im Nacken, der ihm in den schwachen Momenten die Vorwürfe einhämmert, die ihm am meisten Angst machen: Du genügst nicht. Du bist nicht belastbar. Du gehörst nicht dazu. Die andern sind sich einig, du bist fremd. Was du tust, ist nichts wert. Du kannst nichts, du hast niemanden, du bist nichts. Kein Wunder, dass ich da manchmal den Mut verliere und Entlastungsangriffe starte: Schau dir die andern an. Was sind das für Gestalten? Besser als ich? Auf keinen Fall!
Wie recht der Apostel Paulus doch hat. Der meinte: Die Angst, nicht so sein zu dürfen, wie ich bin, ist größte Last ist, die ich mit durchs Leben schleppen kann. Gegen diese Angst setzt der Apostel das Bild von Jesus am Kreuz. Schau hin: Dem haben auch alle gesagt, für dich ist hier kein Platz, wie du lebst und was du denkst ist falsch, mit deiner Art beleidigst du Gott. Sie haben ihn gedemütigt, ausgegrenzt, umgebracht doch am Ende war er der allerwichtigste. Der entscheidende Baustein, die Schlüsselfigur. Er ist der, an dem sich alle aufrichten können.
Er weiß, wie es um mich bestellt ist, wenn andere über mich richten. Er spürt den Schmerz, der damit verbunden ist, die Verletzung. Er schaut genauer hin, als Menschen das können. Er steht höher, als alle, die hier auf Erden über mich zu Gericht sitzen. Er sieht das Herz an. Das Urteil, das ich von ihm zu erwarten habe, lautet: Freispruch. Du hast hier deinen Platz. Du darfst auf dieser Erde leben und glücklich werden. Dieses Urteil gilt. Nicht erst am Ende, sondern schon heute.
Woran merke ich, dass ich diesen Freispruch annehme, in meinen Alltag hinein hole? Ich merke es daran, dass ich aufhöre, über andere zu urteilen. Richtet nicht, rät Jesus denen, die sein Wort hören, Ihr lebt unter den Augen dessen, der selbst gerichtet wurde. Seine Barmherzigkeit soll sich um euch herum entfalten. Sie tut euch gut und allen, die mit euch leben.
Richtet nicht
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